Kloster Ettal Kein einziger Fünftklässler

Im Kloster Ettal wurden jahrzehntelang Schüler missbraucht.

(Foto: dpa)

Hinter den Mauern wurden jahrzehntelang Jungen missbraucht, nun sinkt im Internat in Ettal die Zahl der Anmeldungen. Anderen Klosterschulen geht es ähnlich.

Von Heiner Effern, Ettal

Vielleicht sind es die Szenen vom früheren Internatsleiter Pater Rupert, die den Eltern nicht mehr aus dem Kopf gehen. Er schlug einmal einen Schüler mit der Vorder- und Hinterseite seiner Hand ins Gesicht, während er ihn an den Schläfenhaaren durch den Speisesaal zog. Vielleicht sind es die Berichte ehemaliger Schüler über Pater Magnus, der die ihm anvertrauten Kinder sexuell missbraucht hat. Vielleicht hat es aber auch mit den neuen Ganztagsangeboten und dem unguten Gefühl vieler Eltern zu tun, ihr Kind schon mit zehn Jahren wegzugeben. Das Internat in Kloster Ettal, lange Jahre als Elite-Schmiede bei Adligen, Managern und Politikern erste Adresse, hat für das kommende Schuljahr keine einzige Anmeldung eines Fünftklässlers.

"Das ist ein Trend", sagt Abt Barnabas Bögle, der nicht nur in Ettal (Kreis Garmisch-Partenkirchen) festzustellen sei. Es gebe ein Umdenken bei den Eltern, gerade bei den Fünftklässlern. Sie würden mit dem Internat lieber warten, bis ihre Kinder älter wären. "Es gibt mehr Quereinsteiger." Mit Missbrauch und Gewalt, die von 1940 bis 1990 zum Alltag im Ettaler Internat gehörten, habe das Ausbleiben der Fünftklässler nichts zu tun. Nicht nur sein Kloster habe Schwierigkeiten, für die fünfte Klasse Internatsschüler zu finden, sagt der Benediktiner.

Ein mutiger Schritt

Die Institution stand im Mittelpunkt, nicht der Mensch: Im Kloster Ettal zeigte sich der Narzissmus der katholischen Kirche. Der unabhängige Bericht über den Missbrauchsskandal ist nun ein mutiger Schritt zu dessen Überwindung - selbst wenn es immer noch uneinsichtige Täter gibt. Ein Kommentar von Matthias Drobinski mehr ...

Auch St. Blasien im Schwarzwald oder St. Ottilien bei München machten diese Erfahrung. Allerdings hatten auch diese beiden Häuser Gewalt und Missbrauch in der Vergangenheit einräumen müssen. Keine Vorwürfe gab es gegen das Erzbischöfliche Studienseminar St. Michael in Traunstein, in dem der frühere Papst Benedikt XVI. als Bub wohnte. Doch auch in diesem kirchlichen Internat, dessen Schüler als Externe das Chiemgau-Gymnasium besuchen, sind die Anmeldezahlen konstant am Sinken. Zwei fixe Anmeldungen habe man bei den Fünftklässlern für das kommende Schuljahr, heißt es. Öffentliche Internate kennen dieses Problem in Bayern nicht. "Wir haben keinen Anmelderückgang bemerkt", sagt deren Sprecher Peter Brendel.

Ettal bei der Schulwahl nicht berücksichtigt

Im Gegensatz zu Abt Barnabas führte auch Internatsleiter Frater Gregor Beilhack am Donnerstag im Garmisch-Partenkirchner Tagblatt die Misere bei den Fünfklässlern direkt auf das Bekanntwerden von systematischer Prügelei und vielen Fällen von sexuellen Missbrauch zurück. "Seitdem haben die Neuanmeldungen für das Internat stetig abgenommen", sagte er. Von 13 Fünftklässlern im Herbst 2009 seien die Zahlen kontinuierlich gesunken. Die Schüler hätten Ettal wegen der Vorfälle bei der Schulwahl außen vor gelassen. In einem sind sich Internatsleiter und sein Abt aber einig. "Gar kein Gedanke", sagt Barnabas Bögle auf die Frage, ob der Bestand des Ettaler Internats gefährdet sei.

Abt Placidus II. Seiz legte am 7. August 1710 den Grundstein für Schule und Internat, damals als sogenannte "Ritterakademie". Im 20. Jahrhundert besuchten Prominente wie Franz Herzog von Bayern, Oberhaupt der Wittelsbacher, das Internat. Im Frühjahr 2010 wurde bekannt, dass Schüler im Kloster über Jahrzehnte hinweg gequält, geschlagen und sexuell misshandelt worden waren. Seit den 1940er Jahren habe im Haus der Benediktiner "ein System der Unterdrückung" geherrscht, das dazu gedient habe, den Willen der Schüler zu brechen, heißt es in einer Studie des sozialwissenschaftlichen Instituts IPP. Mindestens sieben Patres und zwei weltliche Pädagogen haben demzufolge Kinder sexuell missbraucht. Geschlagen haben mehr als 15 Patres und einige weltliche Erzieher.

Internat nicht mehr zeitgemäß?

Die Verantwortlichen im Kloster reagierten zumindest zögerlich, als im Februar und März 2010 immer mehr Schüler ihre Erlebnisse in die Öffentlichkeit trugen. Opfer warfen den Benediktinern Vertuschung vor, auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx traute den Patres nicht. Abt Barnabas Bögle und sein Stellvertreter durften auf seine Initiative hin ihre Ämter vorübergehend nicht ausüben, konnten aber letztlich zurückkehren. Die systematische Quälerei von Kindern habe mit dem Wechsel an der Internatsspitze im Jahr 1990 geendet, ergaben verschiedene Untersuchungen. Damals musste Pater Rupert Ettal verlassen - aus gesundheitlichen Gründen, wie es offiziell hieß. Allerdings bereitet das Oberlandesgericht München gerade einen Prozess vor, in dem einem Ettaler Pater sexuelle Übergriffe noch im Jahr 2005 vorgeworfen werden.

Schläge als pädagogisches Mittel

Es war eine Institution, aus der es kein Entrinnen gab. Im Internat des Benediktinerklosters Ettal herrschte bis in die achtziger Jahre hinein "ein System der Unterdrückung". Das geht aus einem Untersuchungsbericht hervor, der der SZ vorliegt. Auch sexuelle Übergriffe seien Teil dieses Gewaltsystems gewesen. mehr ...

"Klar, dass der Schaden nachhaltig ist, auch wenn das Kloster die Vorfälle gut aufgearbeitet hat", sagt Robert Köhler, Vorsitzender des Vereins der Opfer von Ettal. Auch er sieht aber möglicherweise gesellschaftliche Gründe, warum keine Fünftklässler mehr angemeldet würden. Die völlige Entkoppelung von der Familie, wie sie Ettal immer betrieben habe, sei für Zehnjährige möglicherweise nicht mehr zeitgemäß.

Schülerschwund bei den Jüngsten sei deutschlandweit ein Phänomen, sagt Christopher Haep, Vorsitzender des Verbands katholischer Internate. Doch auch die Missbrauchsfälle seien ein spürbarer Faktor. "Auch das ist mit Sicherheit ein Grund, weshalb gerade jüngere Kinder weniger häufig in Internaten angemeldet werden." Kirchliche Heime müsste das möglicherweise verlorene Vertrauen wieder hart zurückerkämpfen. Dabei setzt Haep auf gute Präventionsarbeit, Schutzkonzepte und "eine Kultur der Achtsamkeit". Ettal hat dafür viel getan in den vergangenen Jahren. Genützt hat es offenbar nicht.