Klimaerwärmung Der Gletscher wird zum Auslaufmodell

An einem heißen Tag fließt so viel Wasser aus dem Eis heraus, wie die Stadt Augsburg verbraucht. Und in 30 Jahren werden fast alle bayerischen Gletscher verschwunden sein. Nur der Höllentalferner bleibt - vorerst. Das Sterben der Gletscher hat gravierende Folgen.

Von Christian Sebald

Es ist keine vier Wochen her, da sind auf der Zugspitze wieder Arbeiter mit gigantischen Planen ausgerückt und haben ein 600 Quadratmeter großes Stück des Schneeferners abgedeckt. "Wir sehen als unsere Aufgabe an, den Zugspitzgletscher zu schützen", ließ die Zugspitzbahn mitteilen, so wie sie das schon seit Jahren jeden Frühsommer tut.

Auslaufmodell: der Blaueisgletscher am Hochkalter.

(Foto: Akademie der Wissenschaften)

Und natürlich sind etliche Fotografen und Kamerateams auf Deutschlands höchsten Berg gefahren und haben das Spektakel in Bild und Ton gesetzt. Auch Christoph Mayer hat die Aktion beobachtet. "Das ist ein wunderbarer PR-Gag", sagt der Gletscherforscher an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. "Aber dem Zugspitzgletscher hilft es nichts, dass man einen Teil mit Planen abdeckt. In spätestens in 30 Jahren ist er verschwunden."

So wie dem Schneeferner, genauer gesagt dem nördlichen Schneeferner, wird es auch seinem kleinen Bruder, dem südlichen Schneeferner, ergehen. Er liegt ebenfalls auf dem Zugspitzplatt und schmilzt von Jahr zu Jahr dahin. Auch der Watzmanngletscher und das Blaueis am Hochkalter überstehen die nächsten 30 Jahre nicht.

Nur der Höllentalferner, der sich sehr viel tiefer als die Schneeferner im Zugspitzgebiet erstreckt, könnte dem Klimawandel etwas länger trotzen. Er liegt in einer tiefen Senke nördlich des Zugspitzgipfels, die Sonne reicht kaum an ihn heran. So steht es im ersten bayerischen Gletscherbericht, den der Glaziologe Mayer mit anderen Forschern verfasst hat.

Umweltminister Marcel Huber hat das Heft am Montag präsentiert. "Gletscher sind Mahnmale des Klimawandels, sie reagieren besonders stark auf die globale Erwärmung", sagte er. "Der Bericht soll aufklären und aufrütteln."

Tatsächlich ist der Schwund dramatisch. Vor 200 Jahren umfassten Bayerns Gletscher eine Fläche von gut 400 Hektar. Inzwischen sind die auf knapp 70 Hektar geschrumpft. An heißen Tagen wie am Wochenende mit Temperaturen von über 30 Grad läuft so viel Wasser aus den Eismassen heraus, wie die Großstadt Augsburg täglich verbraucht. Jedes Grad Celsius, das die Durchschnittstemperatur nach oben steigt, verschiebt die Vegetationszonen um 300 Höhenmeter nach oben.

Nun fragt sich womöglich der eine oder andere, was es ausmacht, wenn es keine Gletscher in den Alpen mehr gibt. "In Bayern wohl nichts, denn die Gletscher hier waren ja vergleichsweise klein", sagt Forscher Mayer. "Aber anderswo wird das massiv zu spüren sein." Etwa durch Dürreperioden, wenn Flüsse und Bäche sommers viel weniger Wasser führen, weil der Nachschub von oben fehlt. Oder durch Muren und Steinschlag, weil das Eis weg ist, das bislang lockeren Fels und Geröll wie Zement zusammenhält. Aber auch durch das Aussterben von Schneehuhn, Gletscherhahnenfuß und anderen Arten.

Experten zufolge ist die Hälfte der 4500 Arten der "Flora Alpina" vom Aussterben bedroht - wegen des Klimawandels.