70 Jahre beim gleichen Betrieb Ein Berufsleben - unterbrochen nur von der Kriegsgefangenschaft

Siebzig Jahre beim selben Arbeitgeber - ein solcher Karriereweg in Zeiten von Jobhopping und befristeten Verträgen wirkt wie aus der Zeit gefallen. Ist er aber nicht. Emil Mock aus Landshut vertreibt seit 1942 Versicherungen.

Von Maximilian Zierer

Als Emil Mock seine Lehrstelle antrat, war Deutschland im Krieg. Im April 1942 war das, Mock war 15 und fing bei der Bayern-Versicherung am Münchner Karolinenplatz an. Im Sommer 1944, die Lehrzeit war gerade beendet, wurde er wie viele Jugendliche in seinem Alter in den letzten Kriegsmonaten von der Wehrmacht eingezogen. Doch Mock hatte Glück: Er geriet nur kurz in amerikanische Gefangenschaft und konnte seine Arbeit schon bald nach Kriegsende wieder aufnehmen.

1951 wechselte er in die Werbeabteilung der Versicherung. Bei einem gemeinsamen Seminar mit den Kollegen von der Allianz wurde er Zeuge, wie deren Werbespruch "Hoffentlich Allianz versichert" entstand. Mocks Abteilung antwortete mit dem Slogan: "Für alle Fälle Bayern-Versicherung."

Der 85-Jährige erzählt diese Anekdote gerne und man merkt, wie stolz er auf seine lange Karriere ist. 1962 schaffte er dann den lang ersehnten Wechsel in den Außendienst und betreute den Versicherungsservice der Landshuter Sparkasse. Dort gründete er einige Jahre später seine Agentur Mock & Partner und vertreibt seitdem auf Provisionsbasis Lebens-, Auto- und Brandschutzpolicen der Versicherungskammer Bayern, wie der öffentliche Versicherer heute heißt.

Siebzig Jahre beim selben Arbeitgeber - für Menschen, die am Anfang ihres Berufsleben stehen, wirkt ein solcher Karriereweg in Zeiten von Jobhopping und befristeten Verträgen wie aus der Zeit gefallen. Gerade deshalb lud Arbeitsministerin Christine Haderthauer (CSU) am Dienstag zu einer Feierstunde in den Max-Joseph-Saal der Residenz, um Arbeitsjubilaren die Ehrenurkunde des Freistaates Bayern für jahrzehntelange treue Dienste beim selben Arbeitgeber zu überreichen.

In ihrer Festrede nannte Haderthauer die Arbeitnehmer "das eigentliche Kapital unserer Betriebe". Auch die Arbeitgeberseite könne sich geehrt fühlen, sagte die Ministerin: "Immerhin wollten die Jubilare so lange bei ihnen bleiben." Es sei ein Wert für sich, einen langen Weg gemeinsam zu gehen.

Mehr als 18.000 Arbeitsjubilare ehrt der Freistaat jedes Jahr. Die meisten für 25 Jahre Dienstzeit, viele für 40 Jahre. Von denen, die 50 Jahre oder länger im Betrieb sind, kommen die meisten aus Handwerksbetrieben: Maurer, Schlosser, Drucker, aber auch eine Krankenschwester und ein Laborspezialist gehören dieses Jahr zu den Geehrten. Doch die 70-jährige Arbeitslaufbahn von Emil Mock ist ein Sonderfall, wie auch die Versicherungskammer Bayern bestätigt.

Bereits vor zehn Jahren wurde er für 60 Dienstjahre geehrt, damals noch von Christa Stewens, Haderthauers Vorgängerin im Sozial- und Arbeitsministerium. Und nur 275 der fast 700-000 Menschen, die seit November 1948 die Ehrenurkunde des Freistaats bekommen haben, waren 60 Jahre lang in ihrem Betrieb.

Seit 60 Jahren verkauft sie Damenwäsche

Eine davon ist Gisela Saller. Sie kam in der Nachkriegszeit als Flüchtling aus Schlesien nach Bayern und begann 1952 eine Lehre im Traunsteiner Traditionskaufhaus Unterforsthuber. "Die Lehrstelle war wie ein Lottogewinn", sagt die 78-Jährige. Denn bis sie den Lehrvertrag unterschreiben durfte, musste sie sich erst einige Zeit als Aushilfe bewähren. Seit fast 60 Jahren ist sie nun in der Abteilung für Mieder und Damenwäsche tätig. Lange Jahre hat sie Auszubildende betreut. Für junge Leute hat sie nur Gutes übrig, auch wenn sie ihrem Arbeitgeber nicht mehr für mehrere Jahrzehnte treu bleiben: "Um die Jugend brauchen wir uns keine Sorgen machen", sagt sie.

Eigentlich ist Gisela Saller längst in Rente - einige der von ihr ausgebildeten Verkäuferinnen gehen mittlerweile selbst schon aufs Rentenalter zu, aber sie steht ihrem Arbeitgeber weiterhin zur Verfügung. Denn Saller wohnt nun mal in der Nähe ihres Arbeitsplatzes. Deshalb kann sie spontan aushelfen, wenn mal eine Kollegin krank wird. Es sind diese Eigenschaften, die die Ministerin in ihrer Festrede besonders hervorhob. Fleiß und Treue seien schön und gut, aber bei weitem nicht das einzige, was man für ein langes Arbeitsleben benötige. Immer wichtiger sei auch Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Denn auch wenn man beim selben Arbeitgeber bleibt: Die Anforderungen an den Arbeitnehmer ändern sich im Laufe der Jahre.

Emil Mock wollte eigentlich Zahnarzt werden. Aber die Ausbildungsstelle bei der Bayern-Versicherung war nun mal gerade frei und so wurde er Versicherungsvertreter. Anfangs konnte die junge Familie von der Agentur nicht leben. Die ersten Kundenbesuche machte Mock noch mit dem Fahrrad, weil er kein Geld für ein Auto hatte. Heute gehört seine Agentur regelmäßig zu den erfolgreichsten Vermittlern der Versicherungskammer und beschäftigt rund ein Dutzend Mitarbeiter.

Seit 1985 führt Mock sie gemeinsam mit seiner Tochter Andrea. 1992 wurde Mock & Partner vom Vorstand der damaligen Bayern-Versicherung zur Subdirektion ernannt. Ob die Agentur auch weiterhin in Familienhand bleiben wird, ist fraglich. Denn Mocks Enkeltochter ist nicht gewillt, die Geschäftsführung zu übernehmen. Sie macht eine Ausbildung zur Industriekauffrau.