Schulen Was zur Integration von Flüchtlingskindern fehlt

Voller Einsatz: Was Kinder auf einer Flucht erleben, können sich Lehrer in Deutschland schwer vorstellen. Ein erster Schritt ist das Auffangen.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)
  • Zehntausende Flüchtlingskinder werden in den kommenden Monaten in die bayerischen Schulen gehen - wie viele es genau sind, weiß niemand.
  • Viele Kinder haben posttraumatische Belastungsstörungen von der monatelangen Flucht.
  • Sie brauchen oft die Betreuung von Schulpsychologen, doch die haben nicht genügend Stunden zur Verfügung.
Von Anna Günther

Die Zahlen der ankommenden Flüchtlinge werden laufend korrigiert. Im Sommer war von 30 000 Kinder von Asylsuchenden die Rede, die im September in Bayerns Schulen gehen. Im September sprach Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) dann von Zehntausenden. Nun heißt es im Ministerium, dass viele Zahlen kursieren und niemand Konkretes weiß. Dass Planen auf dieser Grundlage schwierig ist, geschenkt. Dass das Kultusministerium sich bemüht, sehen auch Opposition und Lehrerverbände ein.

Nur, schon zu Schuljahresbeginn war klar, dass es nicht reicht, Lehrer nachzuqualifizieren und die Übergangsklassen an Volks- und Berufsschulen aufzustocken. Jetzt schlagen die Psychologen Alarm: Eine aktuelle Studie der TU München zeigt, dass jedes dritte geflohene Kind aus Syrien unter psychischen Störungen leidet und auch die Kinder aus afrikanischen und arabischen Ländern posttraumatische Belastungsstörungen von der monatelangen Flucht haben.

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Kinder brauchen viel Betreuung

Sie alle kommen spätestens drei Monate nach der Ankunft in Bayern in die Schulen. "Die schweren Traumata der Flüchtlingskinder können dabei Folgen für die ganze Klasse und die Familien haben", sagt Hans-Joachim Röthlein, der Vorsitzende des bayerischen Schulpsychologenverbandes. Je später diese Jugendlichen professionell beraten werden, desto schwieriger sei die Integration. Der psychologische Bedarf der Kinder werde zu wenig gesehen, sagt er. Die Folgen könnten Traumata durch gescheiterte Integration, Drogenmissbrauch und Rebellion gegen gesellschaftliche Regeln sein.

Diese Schüler müssten besonders betreut werden, das gelinge noch am leichtesten in den Schulen. Therapeuten könnten das nicht allein leisten - falls die Kinder dort überhaupt hingehen. Auch das Kriseninterventions- und Bewältigungsteam bayerischer Schulpsychologen (Kibbs) werde bisher nicht eingesetzt. Dabei stünden 92 Spezialisten bereit, die mit Traumata umgehen können und sonst bei Krisen im schulischen Umfeld wie Todesfällen, Gewalttaten oder Suizid helfen. Aber der Freistaat stellt keine Stunden für Kibbs bereit, sagt Röthlein. Es gebe nicht einmal ein psychologisches Konzept für die Flüchtlingskinder. "Mit etwa 20 Lehrerstellen hätten 100 Psychologen sechs Stunden pro Woche Zeit, um sich um Flüchtlingskinder zu kümmern."

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Die wenigsten Lehrer in Grund-, Mittel- und Berufsschulen haben gelernt, wie sie mit traumatisierten Kindern umgehen müssen. Und die meisten der etwa 860 Schulpsychologen haben ohnehin nur sechs Stunden pro Woche Zeit für diese Aufgabe. Sie alle unterrichten auch Klassen. Nur gut 110 Lehrer kümmern sich mehr als die Hälfte ihrer Unterrichtszeit um Psychologie und Supervision der Kollegen. Denn auch die Betreuung der Lehrer sei wichtig, sagt Röthlein. Wenn diese sich allein gelassen fühlen, halten sie das nicht lange durch, bestätigt Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, in dem traditionell die Volksschullehrer vertreten sind.