Hochschule Geschichte auf die Spitze getrieben

Auf Schloss Thurnau soll das Institut für Fränkische Landesgeschichte entstehen, eine Kooperation der Unis in Bayreuth und Bamberg. Der Clou übrigens: Es gibt keine fränkische Historie, sagt der Gründungsdirektor

Von Olaf Przybilla, Thurnau

Martin Ott wirkt ein bisschen erleichtert, nachdem der Satz über seine Lippen gekommen ist: "Ich weiß, dass meine Berufung ein Politikum ist." Ott ist der Mann, der künftig besonders die Fränkische Landesgeschichte verkörpern wird und das schon deshalb, weil es so etwas wie das Institut für Fränkische Landesgeschichte auf Schloss Thurnau bislang nicht gibt. Zwei Universitäten, die in Bamberg und die in Bayreuth, haben sich zusammengetan, um das Forschungsinstitut aus der Taufe zu heben, und wer nur ein bisschen über fränkische Geschichte und die daraus sich ableitenden Befindlichkeiten Bescheid weiß, der ahnt, dass schon das brisant genug wäre. Das katholische Bamberg hier, das protestantische Bayreuth dort, hier geistliche Herrscher, dort weltliche, beide Städte in etwa gleich groß, beide mit dem Schicksal konfrontiert, dass eben nur eine Hauptstadt in Oberfranken sein kann - da liegt der Gedanken an ein großes "Come Together" bis heute alles andere als nahe. Aber das meint Ott jetzt erst mal gar nicht mit dem Wort "Politikum".

Die Berufung Otts zum Gründungsdirektor hat sich länger hingezogen als gedacht, über die Gründe kann nur spekuliert werden. Ott ist ein bedächtiger Mann, er würde so was nie tun. Man darf aber womöglich davon ausgehen, dass die Kommission - gespeist von Vertretern der beiden oberfränkischen Universitäten - durchaus auch Gedanken darauf verwendet hat, ob die Region dafür schon reif genug ist. Reif genug, um mit Gleichmut hinzunehmen, dass der Mann, der künftig für die Geschichte Frankens stehen soll, ein Altbayer in jeder Hinsicht ist. Ott ist aufgewachsen in Starnberg und wissenschaftlich sozialisiert an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Geht das? Eine lächerliche Frage, mögen manche sagen, und in wissenschaftlicher Hinsicht geradezu grotesk. Ott aber würde das so nicht sagen. Dass er in einem "dialektfreien Umfeld" aufgewachsen ist, das hält er in seinem Fall für einen nicht unerheblichen Vorteil: "Ob das sonst genauso akzeptiert würde?" Er ist sich da nicht so sicher.

Ott hat in München Bayerische Landesgeschichte gelehrt und war maßgeblich am Standardwerk "Handbuch der historischen Stätten" in Bayern beteiligt. Ohne Franken wäre das Werk mindestens unvollständig, wenn nicht gar sinnlos, und schon insofern kommt die Bayerische ohne die Fränkische Landesgeschichte nicht aus. Eben das ist der Reiz dieses Faches, sagt Ott: Dass man es permanent neu erklären muss, auch sich selbst. In Franken ist diese Komplexität noch auf die Spitze getrieben. Der Clou an fränkischer Historie ist, "dass es sie nicht gibt", sagt Ott. Es gibt nur viele verschiedene fränkische Geschichten, höchst unterschiedlich in ihrer Art, jede für sich stehend. Die Suche nach dem gemeinsamen Nenner? "Gar nicht erst versuchen", sagt er, "den gibt es nicht." Und dieser faszinierte Blick auf die sehr eigene fränkische "Diversität" schärfe sich von außen, in München etwa, womöglich besonders, glaubt Ott. Er hofft es zumindest.

Schloss Thurnau gilt als eine der größten und bedeutendsten Anlagen in Nordbayern. Als Grund dafür gilt die Furcht vor Angriffen von den Bayreuther Markgrafen und den Fürstbischöfen aus Bamberg.

(Foto: Olaf Przybilla)

Auch Schloss Thurnau, der Sitz des neuen Instituts, wäre ohne diese spezielle Form fränkischer Geschichte kaum denkbar. Thurnau ist ein überschaubar großer Ort zwölf Autominuten nordwestlich von Bayreuth, wer nach einer schmalen Kopfsteingasse plötzlich vor einem gewaltigen Bauwerk steht, wähnt sich im falschen Film. Das Schloss gilt als eine der größten und bedeutendsten Anlagen in Nordbayern und wäre wohl niemals so gewaltig ausgefallen, wenn sich die Ritter und späteren Grafen nicht gefürchtet hätten, zwischen den mächtigen Fürstbischöfen aus Bamberg und den übermächtigen Markgrafen aus Bayreuth förmlich zerrieben zu werden. So wuchs und wuchs das Schloss, nahezu jede Bauepoche seit dem 13. Jahrhundert scheint etwas beigetragen zu haben, was sich heute als nützlich erweist. Wenn Hollywood ein geeignetes Setting für einen Kinofilm über Oscar Wilde sucht, steht Thurnau parat. Genauso taugt die Anlage, um dort "Katharina Luther" angemessen ins Bild zu setzen. Die Herren Luther und Wilde haben auf den ersten Blick nicht übermäßig viel gemein, aber die Kulisse Thurnau ist eben groß und flexibel.

Und so kommt es, dass die ersten Seminare in Thurnau in Zimmern stattfinden, die eher an Umkleideräume für Filmpersonal erinnern. Was im Zweifelsfall sogar zutrifft: Der Schlosstrakt, der ein paar Jahren später mal das Institut beherbergen soll, wird erst noch aufwendig hergerichtet. Bis dieser Trakt bezugsfähig ist, arbeiten Ott, seine beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter und eine Sekretärin in Zimmern, die als ehemalige Hotelräume zu erkennen sind. Das alles ist also noch ziemlich provisorisch, aber die Studenten der beiden Hochschulen, vor allem die an der eher technisch-naturwissenschaftlich ausgerichteten Universität Bayreuth, brauchten akut einen Lehrer für Landesgeschichte. Also pendelt Ott nun immer zwischen Bamberg, Bayreuth und Thurnau, wobei die Blockseminare für Studenten beider Universitäten im Schloss stattfinden sollen. Zur ersten Lehrveranstaltung hat der Professor sicherheitshalber Buspläne mitgebracht. Die Erreichbarkeit Thurnaus mit Bus und Bahn gilt noch als ausbaufähig.

Das ist schon deshalb nicht ganz optimal, weil es bereits ein anderes Institut in dem gewaltigen Komplex gibt. Seit 1977 beherbergt die dem See abgewandte Seite das Forschungsinstitut für Musiktheater, eine Forschungsstelle der Universität Bayreuth. Nicht nur die dort untergebrachte multimediale Bibliothek, für Opern-Enthusiasten ein rechtes Kleinod, genießt in der Musiktheaterforschung einen exzellenten Ruf. Geisteswissenschaftliche Forscher gehen im Schloss also längst ein und aus.

Martin Ott ist aus Oberbayern: Wissenschaftlich wurde er an der Ludwig-Maximilians-Universität in München sozialisiert. Und dennoch wurde er nach Thurnau berufen.

(Foto: Olaf Przybilla)

Interdisziplinär, sagt Bambergs Universitätspräsident Godehard Ruppert, sollen auch die Forscher im neuen Geschichtsinstitut arbeiten, er erhofft sich ein "bayernweit einzigartiges Alleinstellungsmerkmal". Sein Kollege aus Bayreuth, Stefan Leible, setzt darauf, dass sich Rechtsgeschichtler in Thurnau künftig ebenso mit fränkischen Aspekten ihrer Arbeit beschäftigen wie Germanisten, Musik- und Theaterwissenschaftler oder auch Ethnologen. Ohne die Oberfrankenstiftung, betonen beide, wäre das Institut nicht zu realisieren gewesen. Bis zum Jahr 2022 kommen allein vier Millionen Euro aus der Stiftung.

Institutsdirektor Ott fühlt jetzt schon hohen Erwartungsdruck. Aber auch die Begeisterung der Leute: Auf welchem Niveau historische Vereine in der Region arbeiteten, "dieser Enthusiasmus für fränkische Geschichte", das habe er kaum für möglich gehalten. "Das hat in Franken wirklich eine ganz besondere Dimension", sagt er.