Handy-Sammelaktion in Bayern Schatzsuche zuhause

Millionen alter Handys stauben vor sich hin. Dabei bergen die Geräte einen riesigen Schatz. Alleine das Gold, das in den Telefonen steckt, könnte 40 Prozent des Gold-Imports der deutschen Schmuckindustrie decken, rechnen Fachleute vor. Jetzt beginnt in Bayern die bisher größte Althandy-Sammlung Deutschlands.

Von Kassian Stroh

Helmut Martin war skeptisch, ob diese Aktion etwas erbringen könnte. Also beschloss er kurzerhand, den Praxistest zu machen in der Klasse 5a, die er in Deutsch unterrichtet. "Ich bin da reinmarschiert und habe gefragt", sagt der stellvertretende Direktor des Oskar-von-Miller-Gymnasiums in München-Schwabing: Das Umweltministerium plane, alte Handys zu sammeln und zu recyceln, ob denn jemand eines zu Hause rumliegen habe, das könne er dann ja mal mitbringen. "Ich habe gesagt, das ist völlig unwahrscheinlich, dass das klappt", erzählt Martin. "Und am nächsten Tag hatte ich 16 Stück." Bei 25 Schülern. Martins Skepsis war widerlegt.

Wenn es nach dem bayerischen Umweltministerium geht, werden Aktionen wie die der Klasse 5a von vor fünf Wochen von sofort an landesweit stattfinden. Denn an diesem Montag startet es die angeblich größte Sammlung von Althandys, die es in Deutschland je gegeben hat. "Handys clever entsorgen" heißt sie. An 7000 Stellen sollen Sammelboxen aufgestellt werden, in allen Schulen, Hochschulen, Krankenhäusern und Verwaltungsgebäuden des Freistaats und der Kommunen, dazu in einigen Dutzend Betrieben. "Wir wollen es den Bürgern so leicht wie möglich machen, ihr Handy schnell und bequem zu entsorgen", sagt Umweltminister Marcel Huber.

Der Sinn der Aktion ist ein ökologischer wie ökonomischer. In den Geräten stecken wertvolle Metalle, die letztlich alle importiert werden müssen und nach denen die Nachfrage weltweit steigt. Das treibt die Preise und macht die von den Lieferländern abhängigen Herstellerfirmen nervös. Zugleich liegen in Deutschlands Haushalten Millionen alter Handys herum, die niemand mehr nutzt, die sogenannten Schubladen-Handys. Nach groben Schätzungen gehen die Fachleute im Umweltministerium von 85 Millionen Stück aus, 13 Millionen davon in Bayern. "Diesen Rohstoffschatz müssen wir heben", sagt Huber. Experten sprechen auch von "Urban Mining", sie betrachten Städte also quasi als Rohstoffminen, nicht nur von Glas, Papier oder Kunststoff, sondern auch von seltenen oder teuren Metallen.

Recycling statt Importabhängigkeit, ist das Prinzip. So könnten, rechnet Huber vor, 40 Prozent des Gold-Imports der deutschen Schmuckindustrie gedeckt werden, würden alle Handys im Land wiederverwertet. Zugleich geht es bei "Handys clever entsorgen" auch darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass alte Mobiltelefone nicht in den Normalmüll gehören, wo sie noch immer häufig landen. Auch deshalb liegt ein Schwerpunkt auf Bayerns Schulen. Für sie wird ein eigener Wettbewerb gestartet. Preise belohnen die Schulen, die am Ende die meisten Altgeräte je Schüler vorweisen können. "Handlungsorientierte Umwelterziehung" heißt das im Jargon der Ministerialbeamten.

Wirklich neu ist das alles nicht. Handy-Sammelboxen finden sich immer wieder, etwa im Affenhaus des Tierparks Hellabrunn, genauso wie Rücknahmeangebote im Internet, bei denen meist Umweltverbände mit einem der großen Netzbetreiber kooperieren. Nur sind das alles keine flächendeckenden Aktionen. Auch am Oskar-von-Miller-Gymnasium steht seit drei Jahren die Schachtel einer karitativen Organisation, wie Martin berichtet. Die aber sei stets leer. Darum sei er ja so skeptisch gewesen, als das Umweltministerium bei ihm angefragt habe, sagt der stellvertretende Schulleiter. Doch nach dem Anfangserfolg glaubt er, die Aktion "trifft anscheinend einen Nerv". Manch Schüler habe sogar drei, vier alte Handys von daheim mitgebracht.

Weil laut Gesetz Elektroschrott eigentlich nur von Wertstoffhöfen und den Herstellern und -vertreibern der Geräte gesammelt werden darf, hat sich das Umweltministerium den von der Branche getragenen Entsorgerverband VERE als Partner mit ins Boot geholt. Dessen Vorstand Jochen Stepp hofft nicht zuletzt darauf, nun erstmals verlässliche Daten darüber zu bekommen, wie groß das Potential einer solchen flächendeckenden Aktion ist.

Weil das niemand so genau weiß, wagt auch keiner eine Prognose, wie viele Handys bei der bayerischen Sammlung, die bis zum 30. Juni dauert, zusammenkommen werden. "Jede Schätzung wäre unseriös", sagt Stepp. Von der Zahl hängt auch ab, ob die Aktion Gewinn macht. Jedes Althandy, das eingeschmolzen wird, ist laut Stepp im Schnitt noch etwa 1,20 Euro wert. Wenn nach Abzug der Kosten noch Geld übrig bleibt, worauf man im Ministerium hofft, soll das als Zuschuss an diverse Projekte fließen: an die bayerischen Umweltbildungsstationen und zwei Aktionen zum Schutze des Schwarzstorches und des Laubfrosches, zweier gefährdeter Arten.

Im Umweltministerium haben sie Anfang des Jahres auch mal eine Probesammlung vorgenommen. Zwei Monate lang stand da ein Sammelbehälter beim Pförtner, am Ende fanden sich 310 Handys darin. Bei 700 Mitarbeitern. Nicht schlecht. Aber damit blieben Bayerns oberste Amtsumweltschützer denn doch deutlich hinter der Klasse 5a zurück.