Gewalt auf dem Oktoberfest Mehr Alkohol, mehr Brutalität

"Wir brauchen immer öfter die Rechtsmedizin": Betrunkene, Diebe und Randalierer gehören für die Bundespolizei zum Wiesn-Alltag. Eine Nacht mit den Fahndern am Hauptbahnhof und an der überfüllten Hackerbrücke.

Von Susi Wimmer

Der Täter war betrunken. 1,5 Promille Atemalkohol. Am Südeingang zum Hauptbahnhof schlug er sein Opfer nieder, holte mit dem Fuß aus, trat dem am Boden liegenden drei-, viermal mit voller Wucht gegen den Kopf, sprang dann in die Höhe, direkt auf den Schädel des Schwerverletzten. In der Nacht auf Samstag konnten die Ärzte das Leben des 34-Jährigen gerade noch retten.

Es war sechs Uhr früh, als die Erste Kriminalhauptkommissarin Sabine Stein die Inspektion der Bundespolizei am Hauptbahnhof verließ. Mit der Gewissheit, alle Beweismittel gegen den Täter so zusammengetragen zu haben, dass ein Richter wenig später Haftbefehl gegen den 35-jährigen Schläger erlassen konnte.

Nachmittags kehrte die Leiterin der Ermittlungsdienste wieder an ihren Schreibtisch zurück: Wiesn-Alltag bei der Bundespolizei. "Rein gefühlsmäßig", sagt die Polizistin, "haben sich die Gewaltdelikte im Vergleich zum Vorjahr sicher verdoppelt".

Leger in Jeans und Shirt gekleidet sitzt die Chefin über 36 Kriminal-Ermittler auf der Couch in ihrem Büro, kippt erst einmal eine Ladung lila Vollmilch-Naps über den Tisch und sagt mit einem Lächeln: "Ohne Schokolade wären wir aufgeschmissen." "Wir", das sind an diesem letzten Wiesn-Samstag zwölf Fahnder aus ihrer Truppe, die bis zwei Uhr früh Delikte wie Körperverletzung, Diebstahl, Sachbeschädigung oder Beleidigung zu bearbeiten haben.

Seit zehn Jahren leitet die braunhaarige Polizistin die Ermittlungsgruppe, kennt den ganzen Wiesn-Wahnsinn, die Tricks der Diebe, die völlig Betrunkenen, die sich nicht mehr auf den Beinen halten können und randalieren - und die Dimensionen der Gewalt.

"Wir brauchen immer öfter die Rechtsmedizin", sagt sie. Will heißen: Die Brutalität hat "in den letzten drei, vier Jahren so zugenommen, dass nicht die Ärzte, sondern die Rechtsmediziner die Untersuchungen der Opfer durchführen, um vor Gericht eine exakte Dokumentation der Verletzungsbilder vorlegen zu können".

Es ist gerade mal 20 Uhr und der Hauptbahnhof gleicht dem Stachus an einem Samstagnachmittag: Massenweise strömen Menschen in Lederhosen und Dirndln durch die Halle, einige zur S-Bahn, andere zu den Zügen. Letztere sind teilweise so voll, dass die Bundespolizei den Angestellten der Bahnsicherheit beispringen und die Züge zurückhalten muss, um die Massen am Einsteigen in die übervollen Züge zu hindern. "Von den Reisebewegungen her müsste die Wiesn in diesem Jahr brummen", sagt Polizeidirektor Jürgen Vanselow, Leiter der Bundespolizeiinspektion München.

Etwa 100 Polizisten sind an diesem Abend hauptsächlich im Bereich Hauptbahnhof und S-Bahnhof Hackerbrücke im Einsatz. Sie sollen verhindern, dass Betrunkene auf die Gleise fallen und dafür sorgen, dass die Masse der "freundlichen und netten" Wiesnbesucher sicher nach Hause kommt. "Unser Schwerpunkt liegt auf der Prävention", erklärt Vanselow. Natürlich seien verstärkt Sprengstoffhunde im Einsatz, natürlich halten seine Beamten an den Bahnhöfen und in den Zügen die Augen offen und natürlich sind sie dort, wo es brenzlig wird.

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