Siegenburg Unten Erotikladen, oben Flüchtlingsheim

  • Im niederbayerischen Siegenburg leben neun syrische Flüchtlinge über einem Nachtlokal.
  • Der Bürgermeister spricht von einem "unmöglichen Zustand", aber das Landratsamt hat bislang keine Alternative.
  • Im Ort gibt es viel Gerede über die Situation, die Flüchtlinge schämen sich.
Von Andreas Glas

Das "Café Atlantis" liegt am Kreisverkehr, gleich hinterm Ortsschild. Ein altes Haus, mit Rissen im Putz, an der Fassade eine Leuchtröhre, sie blinkt rot. Wer rein will, muss klingeln, und wer drin ist, steht auf flauschigem Teppichboden, auch rot, so rot wie die Wände drumherum. Links geht es nach oben, zu den Flüchtlingen, rechts geht es an die Bar. Also erst mal nach rechts, erst mal ein Bier.

Am Tresen hockt niemand außer Veronika, schwarzes Haar, blauer Lidschatten. Ihr Kleid ist kurz, die Absätze sind hoch. Es riecht nach Schnaps, Puder und Damenparfüm. Es riecht wie im Puff, könnte man sagen, aber dann würde man Ärger kriegen mit der Chefin. "Wir sind ein Animierlokal, mehr nicht", sagt Anneseta Piehler.

Gerede im niederbayerischen Siegenburg

So ganz stimmt das nicht. Seit drei Wochen ist das "Café Atlantis" nicht nur ein Nachtlokal, es ist auch eine Flüchtlingsunterkunft. Das hat für Schlagzeilen gesorgt ("Flüchtlinge sollen über Bordell untergebracht werden") und für ein ziemliches Gerede im niederbayerischen Siegenburg, 3300 Einwohner. "Die, die am g'scheitesten daherreden, die wissen überhaupt nicht, was da herin los ist", sagt Anneseta Piehler, pinkfarbenes Kleidchen, kein BH.

Zu denen, die g'scheit daherreden, zählt die Lokalinhaberin auch den Siegenburger Bürgermeister. Dass Flüchtlinge über einem Nachtlokal wohnen, dass es für die Flüchtlinge keinen separaten Eingang gibt, das ist für den Bürgermeister "ein unmöglicher Zustand". Wenigstens, sagt Johann Bergermeier, sei das Landratsamt "so schlau gewesen, dass es nur Männer einquartiert hat" - und keine Familien mit Kindern.

Trotzdem kriegt der Bürgermeister böse Briefe, in denen zynische Vorschläge stehen. Einer hat zum Beispiel geschrieben, der Bürgermeister solle den Flüchtlingen doch gleich Freikarten für den Nachtclub schenken, "dann würden die ihr Kriegstrauma schon verlieren", zitiert Bergermeier. Und ein anderer hat sich beschwert, dass er kein Geld für seine Puffbesuche bekomme, den Flüchtlingen aber ein ganzes Etablissement zur Verfügung gestellt werde. "Das ist unteres Niveau", sagt Bergermeier.

Piehler versteht die Aufregung nicht

Und was sagt das Kelheimer Landratsamt dazu? "Nicht optimal" sei das alles gelaufen, räumt ein Sprecher ein. Allerdings sei die Unterbringung im Nachtclub der derzeitigen Lage geschuldet. Mit anderen Worten: Weil es an Flüchtlingsunterkünften fehlt, muss man nehmen, was man kriegen kann. Außerdem habe das Landratsamt nicht gewusst, dass die Vermieterin im selben Haus einen Nachtclub betreibe.

Schmarrn, sagt Anneseta Piehler. Sie steht hinterm Tresen und bürstet ihr Haar. Ein Gutachter des Landratsamts "war ja da und hat sich alles angeschaut". Sie versteht die Aufregung nicht. Sie findet, dass die Bedenken nur von außen reingetragen werden. Flüchtlinge im Nachtclub - warum solle das bitte schön nicht funktionieren? Hier unten, sagt sie, "haben wir kein Problem. Und ich glaube auch nicht, dass sie oben ein Problem haben".