Flüchtlinge in Pfarrkirchen In Gottes Namen

"Die Menschen haben sich geöffnet", findet der Passauer Bischof Stefan Oster.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Dass da Leute aus der Fremde an die Marienwallfahrtstätte ziehen sollten, hat nicht jedem im niederbayerischen Pfarrkirchen gefallen. 20 Asylbewerber wohnen nun in dem leerstehenden Klostertrakt. Warum von der anfänglichen Skepsis nicht viel geblieben ist.

Von Ulrike Heidenreich, Pfarrkirchen

Oben auf dem Gartlberg sitzt der Stadtpfarrer in der prächtigen Wallfahrtskirche und denkt nach. Um ihn herum Votivtafeln von Kriegsheimkehrern und Kranken. "So viele Dankesgaben haben wir hier von Menschen, die verzweifelt waren. Vielleicht hängen da in ein paar Jahren Bilder von Schiffen, die über das Mittelmeer kommen", sagt Hans Eder. Der Gartlberg, das ist so etwas wie ein heiliger Berg für Pfarrkirchen und für das niederbayerische Rottal. Vor wenigen Tagen haben hier oben Flüchtlinge ein Obdach gefunden.

Dass da Leute aus der Fremde auf ihrem Kalvarienberg wohnen sollen, hat nicht jedem gefallen. Es gab einen kleinen Glaubenskrieg deswegen, aber er dauerte nur kurz. Wer Ängste vor Ausländern schüren möchte, tut sich nicht mehr so leicht wie vor 20, 30 Jahren; die Menschen sind offener geworden. Dazu kamen starke Signale: Der Passauer Bischof gab den leer stehenden Klostertrakt unbeirrt her, der Landrat von der CSU verwies auf die humanitäre Pflicht, die alle Rottaler hätten. Nun helfen sie alle zusammen, die Polizei, die Politiker, die Vereine - von Fremdenfeindlichkeit wollen sie hier nichts wissen. Trotzdem bleibt es eine Gratwanderung.

Zwischen Inn und Rott leben 460 Asyslbewerber

Im Landkreis Rottal-Inn geht es so zu wie in vielen Regionen Deutschlands. Täglich kommen übermüdete Flüchtlinge aus den Erstaufnahmeeinrichtungen an, die Suche nach einem Bett für sie ist kompliziert. 9,7 Prozent aller Asylbewerber, die nach einem Verteilungsschlüssel Niederbayern zugewiesen werden, soll man hier zwischen Inn und Rott unterbringen. In acht Unterkünften leben momentan 460 Menschen. Wobei 60 davon "Fehlbeleger" sind - dieser bürokratische Ausdruck ist Landrat Michael Fahmüller sichtlich unangenehm. Das sind jene, deren Asylverfahren abgeschlossen ist, die bleiben dürfen, aber keine Wohnung finden.

Ein Parteifreund von Fahmüller, der ehemalige Pfarrkirchner Bürgermeister, hatte kürzlich einen gereizten Brief an den Passauer Bischof Stefan Oster geschrieben: Er ignoriere die Gefühlslage der Menschen, die Marienwallfahrtsstätte sei ein zu sensibler Bereich, um dort Asylbewerber unterzubringen, formulierte Georg Riedl: "Die Volksseele kocht, aber keiner traut sich öffentlich etwas zu sagen." Später legte der Ex-Politiker noch nach: Wenigstens müsse man Möglichkeiten prüfen, hier dann halt "brutal verfolgte Christen" unterzubringen.

Danach riefen beim Landrat ein paar Leute an, die Angst hatten, der Islam überrenne das Christentum. Aber es waren nicht viele, sagt Fahmüller. Auch trauen sich dreiste Immobilienbesitzer nicht mehr, feuchte Löcher als Unterkünfte anzubieten. Das war früher anders. "Der Respekt vor dem Schicksal dieser Menschen ist gewachsen." Und so berichtet der Landrat von einer Frau, die Flüchtlingskinder mit Plastiktüten in die Schule laufen sah, umdrehte und ihnen Ranzen kaufte.

"Die Menschen müssen einem leidtun"

Oder von dem Ort Schönau, wo 35 Asylbewerber 31 Helfern gegenüberstehen - Willkommensfeste, Fahrdienste, Sprachkurse, jeder will etwas tun. Und er erzählt von einem 15-jährigen Flüchtlingskind in Eggenfelden: "Der Junge musste zuschauen, wie seinem Vater der Kopf abgeschlagen wurde. Diese Menschen müssen einem leidtun, egal welche Religion sie haben."

Wie es der Zufall will, ist ein Großteil der 20 Asylbewerber, die nun im ehemaligen Schülerheim der Salvatorianer wohnen, aus Eritrea, sie sind alle orthodoxe Christen. "Das hat der liebe Gott gefügt", sagt Franz Wasmeier mit zynischem Unterton. Er ist Leiter dieses und zwei weiterer Heime im Landkreis und ein praktisch veranlagter Mensch. Früher bei den Patres, die im Juli weggezogen sind, war er Hausmeister, er ist aktiv in der katholischen Jugendarbeit, engagiert gegen rechts. In seinem Haus soll alles sauber und friedlich sein. Wasmeier stapelt Spülmittel, Windeln, Decken generalstabsmäßig in Kammern. Alles perfekt - und das schützt ihn vielleicht vor all den anderen Unwägbarkeiten.