Experiment zum Lügen Wenn schon betrügen, dann richtig

Wer lügt häufiger? Männer oder Frauen? Der Regensburger Wirtschaftsprofessor Roider ist diesen Fragen nachgegangen - und mit Hilfe eines Würfels zu einem ebenso klaren wie überraschenden Ergebnis gekommen.

Kommentar von Martina Scherf

Lügen Männer häufiger als Frauen? Ökonomen der Universitäten Regensburg und Hamburg sind dieser Frage nachgegangen und kamen zum Schluss: Frauen sind in Gruppenentscheidungen ehrlicher. Bei Männer verstärkt sich dagegen in Gruppen die Tendenz zum Lügen. Ein Widerspruch zum gängigen Klischee, der auch Professor Andreas Roider von der Universität Regensburg überrascht. Er will an dem Thema weiterforschen, das Unternehmensvorstände aufhorchen lässt.

SZ: Wie sind Sie denn als Ökonom auf die Idee mit dem Lügen gekommen?

Andreas Roider: Das Entscheidungsverhalten von Individuen ist ein wichtiges Thema in den Wirtschaftswissenschaften. Aber in der Praxis werden Entscheidungen ja oft in Gruppen getroffen, sei es in der Politik oder in Unternehmen. Gleichzeitig will man natürlich unethisches Verhalten vermeiden, und dazu gehört eben auch das Lügen.

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Zum Beispiel Bilanzen fälschen?

Ja, zum Beispiel. Da lag es nahe, dieses Verhalten in Gruppensituationen, und zwar geschlechtsspezifisch, zu untersuchen.

Wie haben Sie nun herausgefunden, dass Frauen ehrlicher sind?

Wir haben Studenten - allein oder in zufällig zusammengestellten Zweier-Gruppen - aufgefordert, einen Fragebogen auszufüllen, der mit unserem Experiment nichts zu tun hatte, und ihnen einen finanziellen Anreiz dafür geboten.

Mit Geld ist die Motivation deutlich größer?

Wir Ökonomen glauben, dass Leute sich anders verhalten, wenn es tatsächlich um Geld geht, als wenn es nur hypothetisch vorteilhaft wäre.

Und dann?

Sie gingen allein oder zu zweit in eine Wahlkabine und sollten würfeln. So viele Augen, wie sie gewürfelt haben, bekamen sie ausgezahlt: Für eine Eins einen Euro und so weiter bis Fünf, für eine Sechs null Euro - wir wollten nicht so viel Geld ausgeben. Die Teilnehmer schrieben ihre Ergebnisse anonym auf. Wenn sich alle ehrlich verhielten, sollten bei einer hohen Anzahl von Würfen genauso viele Einser wie Fünfer oder Nuller berichtet werden.

So war es aber nicht?

Nein. Hätten alle ehrlich geantwortet, müsste ein Durchschnitt von 2,5 Euro herauskommen. Bei den Individuen ergab sich aber ein Schnitt von 3,48 Euro, und zwar bei den Männern ein klein bisschen mehr als bei Frauen, das deckt sich mit früheren Studien. Der Unterschied ist aber klein genug, dass er auch dem Zufall geschuldet sein könnte. Bei den Gruppen allerdings war der Unterschied so groß, dass das kein Zufall mehr ist: Die Männerpaare gaben im Schnitt vier Euro an, die Frauen nur 2,74.

Frauen sind zu zweit ehrlicher als allein?

Richtig, bei Frauen verstärkt sich in der Gruppe offensichtlich die Ehrlichkeit, bei Männern das Lügen.

Und in gemischten Gruppen?

Die lagen mit 3,71 näher an den Männergruppen.

Was ziehen Sie nun für Schlüsse daraus? Sollten Männerbünde in Wirtschaft und Politik aufgelöst werden, brauchen wir schnellstmöglich die Frauenquote?

So weit würde ich nicht gehen. Interessant ist auf jeden Fall, dass sich die Effekte in Gruppen verstärken. Davon waren wir überrascht. Deshalb planen wir weitere Forschungsarbeiten, etwa mit größeren Einheiten. Auch eine Führungskräfte-Akademie hat bereits Interesse an dem Thema gezeigt.

Aber Sie haben sich doch sicher Gedanken über die Motive gemacht . . .

Es könnte sein, dass sich Männer in Gruppen gegenseitig übertrumpfen und nicht als Schwächling dastehen möchten, wogegen Frauen vielleicht eher Angst haben, entdeckt zu werden und als unehrlich zu gelten. Die männlichen Gruppen berichteten fast dreimal so viele Fünfer wie Vierer. Das könnte darauf hin deuten, dass Männer eher aufs Ganze gehen.

Wenn schon betrügen, dann richtig?

Vielleicht. Das wäre in der Wirtschaft bedenklich, denn ein bisschen Lügen ist vielleicht nicht so schlimm, aber extremes Verhalten, etwa bei Bilanzmanipulationen oder Insidergeschäften, kann fürs Unternehmen gefährlich werden, zum Konkurs führen und Tausende Jobs kosten.

Was haben denn Ihre Kollegen zu dem Ergebnis gesagt?

Alle waren erstaunt, viele sagten spontan: Frauen lügen doch mehr. Wir werden das jetzt auf jeden Fall weiter erforschen und nicht gleich die Männer verdammen.