Brauer im Westjordanland Hopfen und Malz, Allah erhalt's

"Wir haben kein Land - aber wir haben ein eigenes Bier": Nadim Khoury ist Chef der einzigen Brauerei in den Palästinensergebieten. Sein Bier ist bei Christen wie bei jungen Israelis angesagt, für Muslime gibt es Alkoholfreies - etwa auf dem Taybeh-Oktoberfest.

Von Sarah Kanning

In Sachen Bauchumfang nimmt Nadim Khoury es locker mit bayerischen Bierbrauern auf. Sein schwarzer Schnurrbart hingegen trägt deutlich die Handschrift orientalischer Barbiere: dicht, Tendenz balkenförmig, akkurat rasiert bis in die Mundwinkel. Nadim Khoury ist Bierbrauer. Ihm und seinem Bruder David gehört die einzige Brauerei in den palästinensischen Gebieten. Im Westjordanland braut Khoury mit Hopfen aus der Hallertau fünf verschiedene Biersorten nach deutschem Reinheitsgebot.

"Wir lieben Bier und glauben an deutsche Qualität", sagt Khoury. An diesem Tag bleibt er jedoch strikt bei Mineralwasser. Er ist nicht zu seinem Vergnügen nach München gekommen. Es geht um die Zukunft seiner Mikro-Bierbrauerei: Khoury will seinen Sohn auf der "drinctec", einer der weltweit bedeutendsten Messen für Getränke und Liquid-Food-Technologie, mit der Leidenschaft für Braukunst impfen. Canaan Nadim Khoury soll in einigen Jahren den Betrieb übernehmen.

16.000 Besucher kamen zum Taybeh-Oktoberfest

Der christlich-orthodoxe Khoury-Clan aus Taybeh, einem winzigen Dorf bei Ramallah im Westjordanland, hält seit knapp 20 Jahren das Bierbraumonopol in den teilweise von Israel kontrollierten Gebieten. "Wir haben Palästina einen Teil seines kulturellen Erbes zurückgegeben", sagt Nadim Khoury. "Das ging unter den Besatzern verloren."

Der 54-Jährige Khoury ist kein Mann der kleinen Worte. Und er macht keinen Hehl draus, dass er immens stolz ist auf seine Mikro-Brauerei: 500.000 bis 600.000 Liter braut er jährlich, zu seinem Taybeh-Oktoberfest kamen vergangenes Jahr 16.000 Besucher. Zum Vergleich: Die bayerische Brauwirtschaft erreichte im Jahr 2012 einen Absatz von 22,1 Millionen Hektolitern, alkoholfreies Bier und Malzbier nicht eingerechnet. Allein in das Hofbräuzelt auf dem Münchner Oktoberfest passen 10.000 Gäste.

Besucher testen das Fassbier Taybeh Golden. Die Brauerei wurde 1995 von Christen gegründet und produziert jedes Jahr bis zu 600.000 Liter.

(Foto: David Silverman/Getty)

Khoury nimmt diese Größenverhältnisse mit arabischem Selbstbewusstsein: "Das Bier wurde vor 5000 Jahren in Ägypten erfunden, wussten Sie das?", fragt er. "Wir führen diese Tradition wieder zurück in unsere Kultur." Was für ein Glück für den Clan, dass der Name des Heimatdorfes Taybeh "köstlich" bedeutet. Kein anderes Wort könnte den Gedanken von Patriotismus und Qualität besser verbinden, den Khoury mit seinem Bier verfolgt: Das kulturelle Erbe und die nationale Wirtschaft stärken - "und der Welt zeigen, dass wir normale Menschen sind, die gerne frei sein wollen", sagt Khoury.

Für ihn war die Brauerei immer politisches und wirtschaftliches Statement - die Firmenslogan lautet "Taste the Revolution". "Wir haben kein Land - aber wir haben ein eigenes Bier", sagt Khoury. Er würde gerne expandieren, wichtiger werden, international und lokal. Dafür arbeitet er oft von vier Uhr früh bis in die Abendstunden, geht nur mittags kurz in sein Wohnhaus gegenüber der Brauerei zum Mittagschlaf.

Bei jungen Israelis ist Taybeh schwer angesagt

Die 2000 Bewohner von Taybeh sind Christen - die Bewohner der anderen Dörfer und die 15 Angestellten der Brauerei sind Muslime. Khoury nennt das: "gute Nachbarschaft". Muslime seien große Abnehmer seines alkoholfreien Biers, sagt er und rechnet vor: Taybeh exportiere zwar, auch nach Deutschland - aber für seine Produktion würde es nicht ausreichen, wenn nur Christen in den palästinensischen Gebieten sein Bier kauften. 90 Prozent werde in der Region getrunken, auch bei jungen Israelis ist Taybeh angesagt.

Nadim Khourys Leidenschaft für Bier reicht zurück in die Studienzeit in Amerika: Kommilitonen zeigten ihm, wie man in einer Studentenbude vorzüglich Bier brauen kann. "Es war schon genießbar", sagt er. "Aber ich musste noch viel Arbeit hineinstecken, um es wirklich gut zu machen." Inzwischen braut er Helles, eine Art Altbier (Amber), dunkles Klosterbier (Dark), Leichtes und Alkoholfreies.

Braucht er neuen Hopfen aus der Hallertau, muss Khoury Monate im Voraus Genehmigungen beantragen, damit er die Hopfenpellets im israelischen Hafen Ashdod verladen darf. Für Hopfenanbau ist es im Nahen Osten zu trocken. Mit Weintrauben sieht es anders aus, sie wachsen glänzend um Taybeh. Und hier wittert Sohn Canaan eine Geschäftsidee: Er will Wein produzieren. Wie er heißen wird? Sicher auch Taybeh. Es heißt schließlich "köstlich".

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