Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Bayreuth Wagner-Familie streitet über Öffnung der Archive

Die Auseinandersetzung miit der NS-Vergangenheit der Bayreuther Festspiele entzweit die Wagner-Familie. Nike Wagner kritisiert ihre Cousine Katharina: Sie solle endlich alle Archive öffnen, um die NS-Vergangenheit der Familie vollständig aufzuarbeiten. Doch die Leiterin der Festspiele scheitert bislang wohl selbst an den Widerständen in der Familie.

In der Debatte um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Bayreuther Festspiele wirft Nike Wager der Festspielleiterin Katharina Wagner eine Verschleppungstaktik vor. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur dapd kritisierte die 67-Jährige ihre Cousine: Katharina Wagner verspreche seit 2008 die Archive ihres Vaters Wolfgang Wanger zugänglich zu machen. Geschehen sei aber nichts. "Offenbar wird hier verschleppt", sagte Nike Wagner. Sie ist die Tochter von Wolfgang Wagners Bruder Wieland Wagner. Zuvor hatte auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann gefordert, alle Wagner-Archive zugänglich zu machen.

Verschlossen ist bisher das Material, das Winifred Wagner, die Mutter von Wolfgang und Wieland, ihrer Enkelin Amélie Hohmann überlassen hat. Winifred Wagner war mit Hitler befreundet gewesen. "Amélie Hohmann muss das Archivmaterial in der Tat endlich zugänglich machen", forderte Nike Wagner. Es gehöre nicht ihr, sondern der Erbengemeinschaft. Auch Katharina Wagner sprach sich für die Öffnung des Archivs aus. Nicht alle in der Familie seien aber dafür "zugänglich".

Die Bild am Sonntag zitiert den Anwalt der Erbengemeinschaft. Demnach seien schriftliche Aufforderungen an Hohmann mehrfach inhaltlich unbeantwortet geblieben und damit ins Leere gelaufen.

Sesam-Öffne-Dich nicht nur für Familienmitglieder

Nike Wagner forderte auch, den Archivschrank gemeinsam zu öffnen: "Nicht-Familienmitglieder sollten unbedingt bei dem Sesam-öffne-dich dabei sein: unabhängige Historiker, Archivare, vielleicht Juristen." Völlig neue Erkenntnisse erwartet Nike Wagner aber nicht: "Die Verstrickung der Familie Wagner in den Hitlerismus ist bekannt und gründlich erforscht, da wird der Schrank nichts Neues zutage fördern. Aber Differenzierungen lohnen sich immer."

Wie hochsensibel die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit für die Festspiele und für den Wagner-Clan ist, zeigte erst vergangene Woche der Abgang des Sängers Evgeny Nikitin. Er musste seinen Auftritt als "Fliegener Holländer" bei den Festspielen aufgeben, nachdem bekannt geworden war, dass er in der Vergangenheit ein Hakenkreuz-Tattoo auf seiner Brust getragen hat - das mittlerweile überstochen ist.

Am vergangenen Freitag hatte sich auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich zur NS-Aufarbeitung der Wagner-Familie geäußert: "Die Festspielleitung in Bayreuth hat ein eigenes Interesse an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und ist sich ihrer Verantwortung bewusst", sagte der CSU-Politiker. Bei deren Ausgestaltung blieb er aber vage: "In welcher Art und Weise die Aufarbeitung vorangetrieben wird, muss die Festspielleitung entscheiden."