Asylbewerber demonstrieren "Politisch ist das ja alles abgesegnet"

Ob denn die Asylbewerber dort oben an der Grenze etwas erwartet, wird einer der absichernden Beamten gefragt - "Verstöße gegen räumliche Beschränkung" lautet die entsprechende Bestimmung. Der Polizist antwortet: "Nein, wir geleiten die Asylbewerber hier jetzt einfach sicher nach Thüringen, danach sind dann die Kollegen zuständig." Weil der Beamte offenbar Zweifel hegt, ob das schon hinreichend ist als Begründung, fügt er rasch noch etwas an: "Politisch ist das ja alles abgesegnet."

Politisch ist das also alles abgesegnet. Was einem die Polizeipräsidien so nicht sagen, hört man auf der Reise. Gesetzesverstöße hin oder her, heißt das, der Freistaat hat sich politisch entschieden, die Asylbewerber einfach mal laufen zu lassen. Weil sie ein Anliegen haben, das nachvollziehbar ist? Oder weil man es gar nicht schlecht findet, wenn renitente Flüchtlinge nicht weiter in Würzburg, Regensburg und Nürnberg für unschöne Schlagzeilen sorgen?

Omid Moradian hat nach 100 Kilometern sechs Blasen an den Füßen, links zwei, rechts vier. Es hat fast den ganzen Tag genieselt, drei Mal hat Moradian die Kleidung wechseln müssen, auf dem Plateau in der Rhön ist es empfindlich kühl an dem Abend. Trotzdem wirkt der 28-jährige Iraner zufrieden: Er wolle mithelfen in diesem Land, sagt er. Er will arbeiten, um Geld zu verdienen, um sich Sprachkurse leisten und sein Deutsch perfektionieren zu können.

Stattdessen: Lagerleben, "um sich selbst kreisen, den ganzen Tag denken, denken, denken". Seit drei Jahren gehe das so. Er sei keiner, der gerne 600 Kilometer wandert. "Aber im Vergleich mit Lagerleben . . ." Und jetzt gebe es plötzlich Menschen, die mal zuhören. "Ich bin doch ein Mensch", sagt Moradian.

Drei Kilometer entfernt von dem Ort, wo Moradian das sagt, liegt das Dorf Bauerbach. 1782 haben sie dort einen Asylbewerber bei sich aufgenommen, der Mann war auf der Flucht vor dem Herzog von Württemberg. Wenn sie den politischen Flüchtling nicht unterm Namen "Dr. Ritter" in einem Fachwerkhaus aufgenommen hätten - wer weiß, was aus ihm geworden wäre. Dr. Ritter alias Friedrich Schiller schrieb in Bauerbach "Kabale und Liebe".