Süddeutsche Zeitung

Asylbewerber demonstrieren:Ausflug in die Menschlichkeit

Zwanzig Flüchtlinge wandern nach Berlin und wundern sich, wie freundlich sie von der Polizei behandelt werden. Dahinter könnte auch politisches Kalkül stecken: Weder Bayern noch Thüringen wollen negative Schlagzeilen.

Olaf Przybilla, Eußenhausen

Es ist die sechste Station des Protestmarsches von Würzburg nach Berlin, der Weg führt die Asylbewerber an diesem Tag durch das unterfränkische Eußenhausen. Ein historischer Ort: Gleich nach dem Gemeindeschild schlängelt sich eine Straße hinauf zu einer Stelle, die lange zu den unwirklichsten in Deutschland gehörte. Die Rhön zählte nie zu den lieblicheren Regionen, an der Stelle aber fröstelt es Besucher besonders.

Auf dem Hochplateau stehen noch die Wehranlagen, mit denen die DDR hier den Grenzübergang absicherte. Ein Wachturm gammelt vor sich hin, der Wind pfeift. Auf diesem Plateau, in Sichtweite des Grenzturmes, schlagen die Asylbewerber aus Iran, Irak und Afghanistan an diesem Abend ihre Zelte auf. Der Platz liegt genau auf dem Grenzstreifen zwischen den Ländern Bayern und Thüringen - und eigentlich hatten die Protestwanderer spätestens auf dieser Höhe Ärger mit den Behörden erwartet. Davon aber kann gar keine Rede sein. Im Gegenteil.

Thomas Ndindah steht neben dem großen Schlafzelt und schmunzelt. Der Mann von der Flüchtlingsorganisation "The Voice" kann einem manches erzählen von Hausmeistern, die sich in Asylbewerber -Unterkünften nicht wie kleine Könige aufführen. Sondern eher wie sehr große Könige. Die Schikanen, von denen Ndindah erzählt, hören sich an wie aus einem Kafka-Roman. Wie aus einer Parallelwelt in Deutschland, in der sämtliche Formen des Anstands nicht mehr zu gelten scheinen.

Und jetzt machen sich da 20 Flüchtlinge in Würzburg auf den Weg nach Berlin, begleitet von ungefähr ebenso vielen Unterstützern. Sie halten sich nicht an die Landkreisgrenzen, an die Grenzen der bayerischen Bezirke nicht und seit Donnerstagmorgen auch nicht mehr an die Grenzen des Freistaats. Was sie aber müssten, weil Asylbewerber der sogenannten "Residenzpflicht" unterliegen. Und was passiert?

Beim Übertreten der Grenze fragt ein Beamter aus Thüringen bei den Flüchtlingen an, ob sie möglicherweise Polizeischutz in Anspruch nehmen wollen. Man würde den Zug der Wanderer dann von hinten her absichern: Der Morgennebel auf den Höhen der Rhön, man wüsste da nie. Falls sie den Schutz aber nicht in Anspruch nehmen wollten, sei das gar kein Problem.

Am Abend zuvor hat ein leitender Beamter der Polizeiinspektion in Meiningen die Flüchtlinge auf dem improvisierten Zeltplatz neben dem Wachturm in Empfang genommen. "Falls Sie hier irgendwas brauchen", sagt der Beamte zu Beginn seiner kurzen Begrüßung an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, "rufen Sie uns bitte einfach an." Am Ende wiederholt der Beamte das noch einmal, fast insistierend.

Für alle sichtbar eine Ordnungswidrigkeit

Thomas Ndindah findet das alles großartig, diese Höflichkeit, dieser wunderbare Ton. Überlege er andererseits, wie da Asylbewerber gerade behandelt werden, die für alle sichtbar eine Ordnungswidrigkeit begehen, im Wiederholungsfall sogar eine Straftat. Wie viel Hilfe diesen Menschen gerade angeboten wird - jetzt, wo sie ins Blickfeld der Öffentlichkeit getreten sind. Und was sich dieselben Menschen sonst bieten lassen müssten. Und zwar dann, wenn sie keine Ordnungswidrigkeit begehen, sondern lediglich darum bitten, am normalen Leben in Deutschland etwas mehr teilhaben zu dürfen: Eben nicht das essen zu müssen, was andere ausgewählt haben. Nicht in vergammelten Mehrbettzimmern hausen zu müssen. Nicht wie Zootiere auf ein bestimmtes Lebens-Terrain beschränkt zu sein. Wenn er sich das so überlege, dann fielen ihm dazu nur zwei Worte ein: "Vollkommen surreal."

Wer wissen will, woran das alles liegen könnte, dieser Geleitschutz für Menschen, die sonst eher das Gegenteil gewöhnt sind, der ist am Tag zuvor im fränkischen Eußenhausen gut aufgehoben. Auch dort ist der Aufwand für die Protestwanderer geradezu rührend: Ein Beamter empfängt sie am Ortseingang, er instruiert sie, wie sie die schwierige Verkehrssituation am Aufstieg zum Grenzplateau am sichersten meistern könnten. Am Ortsausgang wartet dann schon ein zweiter Wagen, er sichert die Wanderer am Straßenrand ab: Autofahrer dürfen währenddessen nicht überholen, die Wagen stauen sich den Hang hinauf auf mehreren hundert Metern.

"Politisch ist das ja alles abgesegnet"

Ob denn die Asylbewerber dort oben an der Grenze etwas erwartet, wird einer der absichernden Beamten gefragt - "Verstöße gegen räumliche Beschränkung" lautet die entsprechende Bestimmung. Der Polizist antwortet: "Nein, wir geleiten die Asylbewerber hier jetzt einfach sicher nach Thüringen, danach sind dann die Kollegen zuständig." Weil der Beamte offenbar Zweifel hegt, ob das schon hinreichend ist als Begründung, fügt er rasch noch etwas an: "Politisch ist das ja alles abgesegnet."

Politisch ist das also alles abgesegnet. Was einem die Polizeipräsidien so nicht sagen, hört man auf der Reise. Gesetzesverstöße hin oder her, heißt das, der Freistaat hat sich politisch entschieden, die Asylbewerber einfach mal laufen zu lassen. Weil sie ein Anliegen haben, das nachvollziehbar ist? Oder weil man es gar nicht schlecht findet, wenn renitente Flüchtlinge nicht weiter in Würzburg, Regensburg und Nürnberg für unschöne Schlagzeilen sorgen?

Omid Moradian hat nach 100 Kilometern sechs Blasen an den Füßen, links zwei, rechts vier. Es hat fast den ganzen Tag genieselt, drei Mal hat Moradian die Kleidung wechseln müssen, auf dem Plateau in der Rhön ist es empfindlich kühl an dem Abend. Trotzdem wirkt der 28-jährige Iraner zufrieden: Er wolle mithelfen in diesem Land, sagt er. Er will arbeiten, um Geld zu verdienen, um sich Sprachkurse leisten und sein Deutsch perfektionieren zu können.

Stattdessen: Lagerleben, "um sich selbst kreisen, den ganzen Tag denken, denken, denken". Seit drei Jahren gehe das so. Er sei keiner, der gerne 600 Kilometer wandert. "Aber im Vergleich mit Lagerleben . . ." Und jetzt gebe es plötzlich Menschen, die mal zuhören. "Ich bin doch ein Mensch", sagt Moradian.

Drei Kilometer entfernt von dem Ort, wo Moradian das sagt, liegt das Dorf Bauerbach. 1782 haben sie dort einen Asylbewerber bei sich aufgenommen, der Mann war auf der Flucht vor dem Herzog von Württemberg. Wenn sie den politischen Flüchtling nicht unterm Namen "Dr. Ritter" in einem Fachwerkhaus aufgenommen hätten - wer weiß, was aus ihm geworden wäre. Dr. Ritter alias Friedrich Schiller schrieb in Bauerbach "Kabale und Liebe".

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SZ vom 14.09.2012/afis
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