Marode Schleusen Schotten dicht am Nord-Ostsee-Kanal

Die Reparaturarbeiten an den Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals laufen.

(Foto: dpa)

Katastrophe mit Ansage: Der Nord-Ostsee-Kanal ist gesperrt. Marode Schleusen müssen repariert werden. Das bedeutet 900 Kilometer Umweg für Schiffe und massive finanzielle Verluste für alle Beteiligten. Die Schlammschlacht um die Schuldfrage ist in vollem Gange.

Von Charlotte Frank

Es hilft vielleicht, sich eine normale Autobahnstrecke vorzustellen, irgendwo in Deutschland, 100 Kilometer lang. So weit ist es etwa von Hamburg bis Kiel. Es hilft vielleicht, sich dann vorzustellen, die Strecke wäre gesperrt - und um nach Kiel zu kommen, müssten Hamburger einen 900 Kilometer weiten Bogen über Dresden fahren. Das klingt absurd? Das entspricht aber dem, was sich gerade auf Norddeutschlands wichtigster Verkehrsader abspielt: Seit Donnerstag ist der Nord-Ostsee-Kanal gesperrt, die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt. Weil die Schleusen so marode sind.

Statt 100 Kilometer quer durch Schleswig-Holstein zu fahren, müssen große Schiffe nun 900 Kilometer Umweg über Dänemark nehmen. Es ist ein Skandal, sagen sie in Kiel, es ist so peinlich. Es ist eine Katastrophe, sagen sie in Hamburg, es ist für den Hafen so tragisch. Es war vorauszusehen, sagen alle - und schwanken zwischen Entsetzen und Wut: auf Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, CSU.

Jahrelanger Streit zwischen Bund und Ländern

Der Nord-Ostsee-Kanal ist eine Bundeswasserstraße, damit unterliegt er der Verantwortung des Bundes. Mit dem streiten die Länder seit Jahren über die Sanierung - ohne Erfolg: Im laufenden Jahr kürzte der Bund der Kieler Regierung zufolge die Mittel für den Kanal sogar, von 60 auf elf Millionen Euro. Es war also letztlich eine Katastrophe mit Ansage, die am Donnerstag eintrat: Die Schleusen hatten sich über den Streit so abgenutzt, dass die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord keinen Ausweg mehr sah und zwei Tore für Reparaturarbeiten dicht machte.

Mindestens zwei Wochen lang ist für Schiffe von mehr als 125 Metern kein Durchkommen mehr. Es ist wie in Vorzeiten von Kaiser Wilhelm, der den Kanal im 19. Jahrhundert plante - um der Flotte zu ermöglichen, "von der Ostsee in die Nordsee zu gelangen, ohne unter dänischen Kanonen passieren zu müssen".

Kosten statt Kanonen

Heute drohen auf dem Weg über Dänemark statt Kanonen Kosten: Ein Schiff, das den Skagerrak passiert anstatt den Nord-Ostsee-Kanal, kostet einen Reeder 70.000 Euro mehr. Der Kanal wird umso wichtiger, je stärker die Wirtschaft im Baltikum und Russland wächst. Inzwischen passiert ihn schon jeder dritte in Hamburg umgeschlagene Container. 2012 durchfuhren ihn 35.000 Schiffe mit 104 Millionen Tonnen Gütern. In diesem Jahr dürften es weniger werden - wegen der Sperrung.

"Wir machen uns in der Welt lächerlich", sagte Kiels Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD); Ministerpräsident Torsten Albig rief die Kanzlerin dazu auf, ihrem Verkehrsminister "Dampf zu machen". Der aber ließ nur seinen Staatssekretär auf die Kritik reagieren: "Wir sehen hier die Folgen unter anderem von elf Jahren SPD-Verkehrspolitik." Es gehören viele Jahre Versagen dazu, um einen Kanal zu ruinieren.