Fahrräder werden zu Design-Objekten Pfauen-Räder

Fahrräder sind längst mehr als Nutzobjekte. Sie wandeln sich zum Statussymbol modebewusster Kunden. Denen ist spektakuläres Design wichtiger als moderne Technik. Diesen Trend gab es auch früher schon einmal.

Von Sebastian Herrmann

Das Kunstwerk wird in einer Kiste aus Holz geliefert. Durch Folie schimmern Orange, Gelb und etwas polierte Metalloberfläche. Der Schöpfer dieses Werkes ist der britische Designer Paul Smith. Und wie bei vielen Arbeiten bekannter Künstler ist der Materialwert bescheiden, der Verkaufspreis aber stolz. Dennoch unterscheidet sich dieses Werk: Es ist eigentlich ein Gebrauchsgegenstand - es handelt sich um ein Fahrrad, das allerdings unfassbar gut aussieht.

Richtiges Verhalten für Fußgänger und Radfahrer Auch kleine Sünden müssen bezahlt werden

Das Rad von Paul Smith, das im Münchner Laden der Firma Stilrad glänzt, steht für eine neue Entwicklung: Fahrräder wandeln sich gerade zum Lustobjekt kaufkräftiger Konsumenten, die sich nicht für Gangschaltungen, Federgabeln, Carbonfasern oder andere Aspekte hoch entwickelter Pedal-Technik interessieren. Diese Kunden betrachten das Rad als Statussymbol; sie wünschen, dass die Farbe der Pedale zu ihren Schuhen passt, das Leder des Sattels geschmeidig ist und die Form des Rahmens den Kleidungsstil komplettiert. Sattel und Lenkergriffe aus rot gegerbter Rochenhaut mögen absurd klingen, doch das pfauenhafte Radeln bringt einen angenehmen Nebeneffekt. Es tauchen neue kleine Firmen auf, die wunderschöne Fahrräder herstellen; und es entsteht ein Markt für Fahrrad-Accessoires, die von schön und sehr überflüssig bis schön und sehr praktisch reichen.

Galerie statt Laden

Die Münchner Filiale der Firma Stilrad wirkt mehr wie eine Galerie als ein Laden. Hier stehen Räder von Paul Smith, Firmen wie Retrovelo, Schindelhauer und Vanmoof wie Ausstellungsstücke auf weißen Podesten. Nicht alle Räder sind so reduziert wie die nackte Konstruktion ohne Gangschaltung und Bremsen von Paul Smith. Die meisten Räder sehen nur auf den ersten Blick schlank und abgespeckt aus. Bei zweiten Hinsehen offenbaren sich Nabenschaltungen, in die Rahmen integrierte Beleuchtung, Felgen- oder Scheibenbremsen, eng anliegende Schutzbleche und Ledersättel. Wer Kunde bei Stilrad ist, der interessiere sich mehr für Gin Tonic als für Kettenöl, heißt es auf einem Schild im Laden. Und der nehme auch in Kauf, dass ihn sein Rad widerspenstig mit dem Lenker schüttelt, "wenn das Shirt nicht zur Hose passt".

Offenbar bedienen Firmengründer Tina Umbach und Michael Vogt viele Kunden, die so denken: Vor vier Jahren eröffneten sie in München den ersten Laden. Mittlerweile verkaufen sie auch in Frankfurt, Berlin und Zürich puristische Räder an Stadtbewohner, für die das Statussymbol Auto längst an Strahlkraft verloren hat. Der mobile Angeber der Gegenwart kauft sich zum Beispiel das Modell "Ludwig" der Firma Schindelhauer und radelt zur Tagesbar. "Dann präsentiert man sich mit Espresso in der Hand und zeigt sein Rad", sagt Vogt. Sportwagen und Cabrio haben diese Kunden längst abgeschafft.

Wie sehr sich der optische Kult um Mode und Rad auf die Spitze treiben lässt, zeigt der Fotograf Horst Friedrichs, der in London lebt und radelt. Für seinen Bildband "Cycle Style" (Prestel Verlag, 24,95 Euro) hat er Menschen in der britischen Hauptstadt fotografiert, deren Outfit vom Tweedstoff bis hin zu Form und Farbe der Fahrradklingel so perfekt abgestimmt sind, dass man sich fragt: Kann man diese Räder auch fahren oder nur dreckig machen? Die Bilder des dänischen Fotoblogs Copenhagencyclechic.org sind etwas alltagsnäher - doch Stil der Räder und Radler sind nicht weniger perfekt aufeinander abgestimmt, wie der zugehörige Bildband zeigt (Mikael Colville-Andersen, "Cycle Chic", Prestel Verlag, 19,95 Euro).

Bei Stilrad in München begann der Weg zum schönen Radeln durch Mangel. Angeödet vom Autofahren in der Stadt machten sich Michael Vogt und Tina Umbach auf die Suche nach einem Fahrrad, einem schönen Fahrrad. Sie fanden keines. "Die Verkäufer in den Läden haben nicht mal verstanden, was ich wollte", sagt Vogt, "ich habe gesagt, ich hätte gerne ein Rad in einem schönen Blau und die haben mir was von 27 Gängen erzählt." Nach langer Suche entdeckte er Räder der Firma Retrovelo, kaufte einige, stellte sie in die Fenster seiner Marketingagentur.