Die Schwächen des VW Golf Streber ja, Musterschüler nein

An Selbstbewusstsein mangelt es Volkswagen nicht. Eine Ikone sei der neue Golf, das Auto schlechthin, sagt VW. Die siebte Generation des Kompakten ist in der Tat ein sehr gutes Auto - aber kein perfektes. Die sechs Schwächen der siebten Golf-Generation.

Aus Sardinien berichtet Sascha Gorhau

Der Golf ist das Aushängeschild der Marke Volkswagen. Die Wolfsburger bezeichnen ihn als "Das Auto". Das erzeugt hohe Erwartungen an ein Fahrzeug, das nichts anderes sein will, als die Definition dessen, was ein Auto sein und können soll. Doch die neue Generation ist nicht perfekt. Der siebte Golf begeht sechs Sünden:

Volkswagen bezeichnet seinen Golf das "Das Auto". Perfekt ist die neue Generation aber nicht.

(Foto: dpa-tmn)

Dem Siebten fehlt der Sechste. Ein zeitgemäßes Auto muss serienmäßig über sechs Schaltstufen verfügen. Das gebietet sich erstens aus ökologischen Gründen, denn der Motor dreht niedriger und verbraucht weniger Sprit. Zweitens erhöht es den Komfort im Innenraum, da die Drehzahlen und die Geräuschentwicklung niedriger sind. Und drittens sollte der hohe Selbstanspruch von Volkswagen nichts anderes zulassen, als in jeder Hinsicht ganz vorne zu sein. Sind in diesem Fall aber beispielsweise Autobauer aus Korea. Hyundai und Kia verbauen in alle Kompaktfahrzeuge sechs Schaltstufen. VW tut das nicht. Der Basis-Golf hat noch immer ein Fünfgang-Getriebe.

Nur zwei Jahre Garantie. "Da scheppert nix," bescheinigte VW-Boss Martin Winterkorn auf der IAA 2011 einem Konkurrenzfahrzeug der Marke Hyundai. Im neuen Golf sollte demzufolge auch nichts scheppern. Tut es auch nicht, im Gegenteil: Der Wagen macht einen grundsoliden Eindruck. Dass Volkswagen dann nur die gesetzlich vorgeschriebenen zwei Jahre Garantie auf den neuen Golf geben will, ist inkonsequent. Gerade im Anbetracht des selbstbewussten Auftretens der Wolfsburger wäre eine längere Garantie nur die logische und praktische Umsetzung des eigenen Anspruchs gewesen. Vertrauen sich die Wolfsburger etwa selber nicht?

Hochmut kommt vor dem Fall. Den Fall braucht Volkswagen nicht fürchten. Zu gut sind die Produkte, zu solide ist das eigene Image, zu hoch sind die Absatzzahlen. Aber mit seinem extremen Selbstbewusstsein wandelt VW auf einem schmalen Grat. Wenn Marketingleiter Jürgen Stackmann den Golf als "Ikone" bezeichnet, dann ist das nicht nur faktisch falsch, sondern auch einfach überheblich.

Denn die Automobilität weltweit massentauglich hat das T-Modell von Ford gemacht, in Deutschland später der VW Käfer. Der Golf ist sein Erbe und führt dies würdig weiter. Doch der Golf ist kein guter Kumpel, kein Fels in der Brandung und auch kein gesellschaftliches Epiphänomen. Er ist ein Auto. Ein sehr wichtiges, aber auch nur eines von vielen. Mehr nicht.

Sicherheit für alle - aber nur gegen Geld. Der Begriff der Demokratisierung von Technologien ist basaler Bestandteil der Marketingsprache von VW. Die Botschaft: Wir sorgen dafür, dass auch Ottonormalverbraucher in den Genuss von sicherheitsfördernden Ausstattungs-merkmalen kommen, die sonst nur in der Luxusklasse an Bord sind. Wer diese Features allerdings haben will, der muss sie teuer bezahlen. Die automatische Distanzregelung ACC bei-spielsweise kostet 555 Euro, eine Geschwindigkeitsregelanlage 205 Euro zusätzlich. Wer mehr haben will, dem legt VW ein ganzes Paket von Fahrerassistenten ans Herz - zum Preis von 2350 Euro.

Serienmäßig ohne Radio und Navigationssystem. Auch die Infotainment-Ausstattung des Golf ist ohne aufpreispflichtige Extras mangelhaft. Nicht einmal ein Radio hat der Basis-Golf ab Werk. Das Einstiegsgerät kostet 410 Euro Aufpreis. Wer ein Navigationssystem will, der muss nicht nur dies separat erwerben (505 Euro), sondern muss zusätzlich ein teureres Radio ordern. Das wiederum kostet dann 870 statt der 410 Euro für das Basismodell. Wer das nicht investieren will, der muss weiterhin mit Kabelsalat und Schwanenhals eines Zubehörnavigationssystems an der Windschutzscheibe hantieren. Deutsche machen das, weil es weniger Geld kostet. Aber Deutsche mögen es nicht, weil sie Perfektionisten sind.

Ökologisch ausbaufähig. "Der Verantwortung, in großen Stückzahlen nachhaltige Autos zu bauen, sind wir uns bei Volkswagen immer bewusst gewesen," sagt VW-Boss Winterkorn. Das stimmt, findet aber im neuen Golf nur bedingt seine praktische Umsetzung. So ist der Wagen leichter geworden, was Ressourcen schont und Sprit spart. Auch der CO2-Ausstoß wurde zusammen mit dem Verbrauch gesenkt. Die verbauten Motoren erfüllen dabei die Abgasnorm Euro5. Dazu ist VW gesetzlich verpflichtet. Das ist die Pflicht. Die Kür jedoch wären Aggregate gewesen, die schon jetzt die strengere Euro-6-Norm erfüllt hätten.

Echte Verantwortung würde VW übernehmen, wenn nicht nur Umweltfreundlichkeit scheibchenweise präsentiert würde, sondern die Öko-Modelle auch die federführende Rolle im Golf-Portfolio übernehmen würden. Tun sie aber nicht. Der besonders sparsame Golf Bluemotion kommt erst 2013, der Plug-In-Hybird 2014. Der reine Elektro-Golf ist angekündigt, der genaue Zeitpunkt seines Erscheinens und vor allem sein Preis sind allerdings unbekannt. Die aktuellen Absatzzahlen von Elektroautos lassen zudem vermuten, dass auch der Strom-Golf nicht viele Abnehmer finden wird.

Wie fährt sich der neue VW Golf? Einen ersten Fahrbericht lesen Sie hier.