Autoindustrie In der China-Falle

Während der Rushhour in Peking: Auf dem Riesenmarkt China zeigen sich erste Ermüdungserscheinungen

(Foto: Bloomberg)

Die deutschen Autobauer verdienen in China viel Geld. Noch. Denn der Markt zeigt erste Ermüdungserscheinungen. Wollen die Hersteller ihren Erfolg fortführen, müssen sie umdenken.

Von Karl-Heinz Büschemann

Automanager geraten ins Schwärmen, wenn sie von China sprechen, von den Wachstumschancen, die dieser Riesenmarkt bietet und von dem rasant steigenden Wohlstand des 1,4-Milliarden-Volkes. Die deutschen Automanager können ihr Glück kaum fassen. Der VW-Konzern macht in China Schätzungen zufolge fast die Hälfte seines Gewinns. Die deutschen Luxusmarken müssen Zusatzschichten einlegen, um die Nachfrage der reichen Chinesen nach ihren Prestigeautos zu befriedigen. Noch.

Auf der diesjährigen Automesse in Peking zeigten sich Signale für Veränderungen in China, dafür, dass dort die Geschäfte schwieriger werden. Von quälendem Smog in den Städten ist die Rede, die Anzahl der Autozulassungen wird drastisch beschränkt. Spätestens jetzt muss den westlichen Automanagern dämmern, dass der Traum vom ewigen Wachstum in China platzen wird. Sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass sie der zähen Stagnation auf den Märkten in Europa und Amerika nur dadurch entflohen sind, dass sie sich von China abhängig gemacht haben und damit in das nächste Problem laufen.

Die Grenzen des zügellosen Wachstums

Die offiziell kommunistische Industrienation China, die ihre Wirtschaft in kapitalistischer Manier und atemberaubendem Tempo wachsen lässt, gerät an die Grenzen ihres zügellosen Wachstums. Die Propagierung des westlichen Lebensstils in der Volksrepublik mit seinem irrwitzigen Energieverbrauch ruft schon die Weltgesundheitsbehörde mit besorgten Warnungen auf den Plan. Die bisher erfolgsverwöhnten deutschen Edelautohersteller Daimler, Audi und BMW, die bei den reichen Chinesen bisher mit PS-Monstern und Riesenlimousinen noch reißenden Absatz finden, werden auf Dauer zum Opfer des eigenen Erfolges. So viele Autos, die alle die Umwelt verpesten, hält das Klima nicht mehr aus. China hat sich übernommen.

Das sollte für die Autoindustrie ein Alarmzeichen sein. Im doppelten Sinne. Nicht nur könnte der segensreiche Nachfragesog für die westlichen Autokonzerne nachlassen. Die etablierten Autohersteller müssen auch erkennen, dass sie mit ihren hochgezüchteten Verbrennungsmotoren auf keinen Fall die Technologie anzubieten haben, die China und die Welt in Zukunft brauchen. China sucht Antworten auf die Frage nach der Mobilität von morgen. Der Westen kann sie nicht bieten.

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China zwingt die Autoindustrie zum Umdenken

Die heutige Autoindustrie hat kaum brauchbare Rezepte für die automobile Zukunft. Stromautos, die zumindest in den wuchernden Mega-Ballungsräumen für bessere Luft sorgen könnten, gibt es nur wenige. Die etablierte Autoindustrie ist dafür intensiv damit beschäftigt, den Durchbruch des Elektroautos zu bremsen, auch um das angestammte Geschäft mit den Verbrennungsmotoren nicht zu gefährden.

Umso erstaunlicher ist, dass VW-Chef Martin Winterkorn, der sich zu Hause nie als Kämpfer für das Elektroauto empfohlen hat, auf einmal "die größte Elektro-Offensive in Chinas automobiler Geschichte" ankündigt. Daimler-Chef Dieter Zetsche legt sich ordentlich ins Zeug und propagiert in China ein neues Elektroauto, das in großen Stückzahlen verkauft werden und eine Reichweite von 300 Kilometern haben soll. Die Autoindustrie denkt um, weil China sie dazu zwingt.

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Technologieführerschaft aus Eigeninteresse

Es ist aber zu erwarten, dass die Chinesen selbst ans Werk gehen werden, um in der Autoindustrie die Maßstäbe von morgen zu setzen. Unter dem Druck der Klimaprobleme werden sie sich aber auch von den Rezepten der alten Welt lösen. Sie scheinen entschlossen zu sein, beim Elektroauto die technologische Führung zu übernehmen und ihre Abhängigkeit von westlichen Autobauern zu verringern. Kooperationen mit großen Elektro- und Elektronik-Konzernen wie Siemens oder Bosch deuten darauf hin.

Die Chinesen müssen diesen Schritt im eigenen Interesse tun. Sonst hat ihr Land keine Zukunft. Für die etablierte Autoindustrie besteht dagegen die Gefahr, dass Innovationen nicht mehr von General Motors, Toyota oder VW kommen, sondern von Herstellern, deren Namen bisher noch unbekannt sind. Viele davon werden chinesische Anbieter sein. Es ist gut möglich, dass die deutschen Autohersteller bei der Motorisierung der Zukunft nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, weil sie es bis heute nicht für nötig hielten, mit dem nötigen Hochdruck an Alternativen für den Verbrennungsmotor zu arbeiten.