Architektur-Vision "SkyCycle" Radeln über den Dächern der City

Der "SkyCycle" in London ist bislang nicht mehr als eine Vision. Fraglich, ob sie je realisiert wird.

(Foto: Visualisierung: Foster + Partners)

Unter Boris Johnson sollte London fahrradfreundlicher werden. Passiert ist bisher wenig, auch der spektakuläre Fahrrad-Highway "SkyCycle" von Architekt Norman Foster droht zu scheitern. Nun setzt Kopenhagen die Idee um.

Von Steve Przybilla

Wenn Boris Johnson in die Pedale tritt, hat er die Verkehrsrevolution fest im Blick. Sagt er jedenfalls. Der Bürgermeister von London, bekannt durch wuschelige Haare, exzentrische Auftritte und ungebremste politische Ambitionen, gilt als leidenschaftlicher Fahrradfahrer. Seit seinem Amtsantritt vor acht Jahren wurden neue Radwege gebaut, im Stadtgebiet stehen über 10 000 Leihfahrräder zur Verfügung. Der Anteil der Pendler, die mit dem Rad zur Arbeit fahren, steigt langsam, aber sicher.

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Andererseits bleibt Radfahren in London eine tückische Angelegenheit. Allein 2013 kamen 14 Radfahrer im Straßenverkehr ums Leben, meist beim Abbiegen und unter Beteiligung eines Lkw. Viele Kreuzungen sind unübersichtlich, es fehlt an Spiegel, Markierungen und sicheren Abgrenzungen. Selbst bei den touristischen Strecken ist Vorsicht angesagt: Die Tower Bridge sollte man ohne Helm erst gar nicht betreten - dort wird es schon eng, wenn sich zwei Busse begegnen.

Vorbild Kopenhagen

Um die Situation nachhaltig zu verbessern, bräuchte es nicht nur neue, sondern vor allem bessere Radwege. Schon lange fordern Verbände, London endlich zu "kopenhagenisieren", also großflächige, vom Verkehr getrennte Radwege zu bauen - ganz nach dem Vorbild der dänischen Hauptstadt. Der Architekt Norman Foster, der unter anderem die gläserne Kuppel des Berliner Reichstags entworfen hat, geht noch weiter. Er plant ein Netz aus separaten Fahrrad-Highways, die sich über 220 Kilometer quer durch die Stadt ziehen. Der "SkyCycle" soll nicht etwa am Boden, sondern über den Bahngleisen verlaufen. Ungebremst und abgeschirmt vom restlichen Verkehr könnten bis zu 12 000 Radfahrer pro Stunde jede Strecke des himmlischen Transportwegs benutzen.

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Eine Vision? Ein Scherz? Es wäre in jedem Fall ein Projekt der Superlative. Halb London grübelt über die ungewöhnliche Idee, seit sie der Stararchitekt im Januar vorstellte. Inzwischen ist klar, dass es ihm ernst ist. "Als vor 150 Jahren die U-Bahn gebaut wurde, haben die Leute auch die Köpfe geschüttelt", sagt Huw Thomas, Architekt bei Foster+Partner. "Niemand konnte sich vorstellen, wieso man erst in den Untergrund gehen muss, um ein Transportmittel zu besteigen. Heute bekommt deswegen niemand mehr Schweißausbrüche."

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Angst und bange wird den Londonern eher, wenn sie an das tägliche Verkehrschaos denken. "Die Bevölkerung explodiert", warnt Thomas. In spätestens 15 Jahren lebten nicht mehr achteinhalb, sondern über zehn Millionen Menschen in der Stadt. "Wo sollen die alle wohnen? Wie kommen sie zur Arbeit? Das Straßennetz ist doch schon jetzt hoffnungslos überlastet." Die Lösung: eine umweltfreundliche, platzsparende Trasse wie der SkyCycle. Die Vision der Architekten geht noch weiter: "Wer sagt, dass da oben nur Fahrräder fahren?", fragt Thomas. "Man könnte dort auch wohnen, um die Stadt zu entlasten."

Sam Martin findet die Idee genial. Der Landschaftsplaner arbeitet südlich der Themse, in einem Industriegebiet neben dem Battersea Park. Wohnlich wirkt die Gegend nicht gerade. Stattdessen rattern im Minutentakt Züge vorbei, mehrere Bahnlinien kreuzen sich, dazwischen vierspurige Straßen. "Die Verkehrsadern durchschneiden alles", schimpft Martin, der ebenfalls am SkyCycle-Projekt beteiligt ist. "Da ist doch ein richtiges Leben kaum möglich. Und gefährlich ist es auch." Er selbst fahre schon seit einiger Zeit kein Fahrrad mehr in London. "Ich bin doch nicht lebensmüde." Ein sicherer, platzsparender Fahrrad-Highway, der auch noch die Häuser verbindet? "Das wäre die Antwort auf viele Fragen unserer Zeit."

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Nutzlose "Fahrrad-Superhighways"

Selbst wenn Unfälle nicht tödlich enden, wird es für Zweiradfahrer in London oft brenzlich. Auch die vier "Fahrrad-Superhighways", die in den vergangenen Jahren mit großem Pomp eröffnet wurden, helfen da wenig. Es handelt sich dabei um normale Radwege, die vom Restverkehr in keiner Weise abgetrennt sind. Sobald Busse und Lkw ins Spiel kommen, wird es richtig eng - und gefährlich. Hinzu kommen Taxis und Lieferwägen, die verbotenerweise auf den Superhighways parken. Alex Browning, ein 28-jähriger Anwalt, der täglich zur Arbeit radelt, bringt seinen Unmut auf den Punkt: "Momentan wird Radfahren zwar politisch stark gefördert, aber bei der Sicherheit tut sich kaum etwas."

In Deutschland ist der Radverband ADFC dem SkyCycle nicht abgeneigt. "Er ist architektonisch und touristisch spannend", sagt ADFC-Referent Roland Huhn. Zudem lasse er eine höhere Wertschätzung für Radfahrer erkennen. Aber: "Ob er im Alltag praktisch ist, lässt sich nur schwer sagen. Um auf den Highway zu kommen, müssten Radfahrer Steigungen und vermutlich auch Umwege in Kauf nehmen." Auch seien die Kosten für ein solches Projekt "eher untypisch für die vergleichsweise günstige Infrastruktur des Radverkehrs", so Huhn.