AEBS-System Lkw-Bremssystem mit Schwachstellen

(Foto: Fabrizio Bensch/Reuters)

Die Polizei geht davon aus, dass der Lastwagen, den Anis Amri in den Weihnachtsmarkt lenkte, per automatischer Notbremsung gestoppt wurde. Das löst in der Branche Diskussionen aus.

Von Stefan Mayr

Unter den Sicherheits-Assistenten in Fahrzeugen gibt es alte und bestens vertraute Bekannte wie das ABS oder ihre jüngere Schwester ESP. Sie sind in fast jedem Pkw eingebaut und verhindern, dass die Reifen blockieren oder ins Schleudern kommen. Das Lkw-Notbremssystem AEBS ist dagegen nur Fachleuten aus der Lastwagen-Branche bekannt. Das könnte sich durch den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember ändern. Die Polizei geht davon aus, dass die AEBS-Technologie die Fahrt des Attentäters Anis Amri vorzeitig abgebremst hat. Dies bestätigte am Donnerstag eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, nachdem zuvor NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung darüber berichtet hatten. Der Sprecherin zufolge wurde das Fahrzeug nach etwa 70 bis 80 Metern gestoppt, was "noch schlimmere Folgen" verhindert habe. Das löst nun in der Fachbranche Diskussionen aus.

Das Kürzel AEBS steht für Advanced Emergency Braking System. Dieses Notbrems-System ist in Europa seit November 2015 für jeden neu zugelassenen Lastwagen über 16 Tonnen Gewicht vorgeschrieben. Es beobachtet mit einer Kamera und Radartechnik die Straße und warnt den Fahrer mit einem akustischen Signal vor einer drohenden Kollision. Falls der Lenker nicht reagiert, stoppt das AEBS den Laster per Notbremsung. Das Lkw-Modell Scania R 450, mit dem Amri am Montag vor Weihnachten über den Breitscheidplatz raste, war offenbar mit diesem System ausgerüstet. Hat das AEBS ein noch größeres Unglück wie in Nizza verhindert, wo im Juli bei einem ähnlichen Attentat 86 Menschen starben?

Karlheinz Schmidt vom Bundesverband Güterverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) hat eine andere Theorie. "Ich vermute eher, dass der mit einem hohen Gang in die Hütte gefahren ist und dadurch der Motor abgewürgt wurde", sagt der BGL-Geschäftsführer. Tatsächlich kann jeder Fahrer die automatische Notbremsung beenden - zum Beispiel, indem er auf das Gaspedal drückt. Zudem kann das AEBS relativ einfach per Knopfdruck ausgeschaltet werden. Dies bestätigt Mikael Lundqvist, Sprecher des schwedischen Lkw-Herstellers Scania. Er beantwortet zwar keine konkreten Fragen zum Berliner Attentat, gibt aber allgemeine Auskünfte über die Notbrems-Vorrichtung. "Wenn das System vor einer Kollision warnt und der Fahrer drückt trotzdem auf das Gaspedal, dann fährt das Fahrzeug auch ins Stauende hinein." Allerdings schließen Lundqvist und Schmidt nicht aus, dass das AEBS den Lkw auch nach der Kollision zum Stillstand gebracht haben könnte.

Sollte das dauerhafte Ausschalten des AEBS künftig verboten werden?

BGL-Chef Schmidt geht davon aus, dass der Attentäter nicht zum ersten Mal am Steuer eines Schwerlasters saß. "Sonst hätte er es gar nicht so weit durch den Stadtverkehr geschafft, ohne beim Abbiegen eine Ampel mitzunehmen." In jedem Fall wirft das Attentat von Berlin ein Schlaglicht auf mehrere offene Fragen, die die elektronischen Assistenz-Systeme mit sich bringen. Sollte das dauerhafte Ausschalten des AEBS künftig verboten werden? Soll es auch untersagt werden, dass der Fahrer die Technik im Notfall übersteuern kann? Bislang wird dies durch ein internationales Abkommen so vorgeschrieben. Soll der Gesetzgeber anordnen, dass die Technologie auch in älteren und kleineren Fahrzeugen eingebaut werden muss? Derzeit ist das AEBS nur bei neu zugelassenen Schwerlastern Pflicht. Die meisten Fahrzeuge auf Europas Straßen fahren ohne AEBS. "Eine gesetzliche Pflicht für alle Art von Fahrzeugen fände ich sehr sinnvoll", sagt BGL-Geschäftsführer Schmidt. Dies würde viele Menschenleben retten und auch die Versicherungsprämien verringern. Schmidt kritisiert, dass das System manuell dauerhaft abschaltbar ist. "Das bedeutet im Extremfall ein Zurückfallen in die Zeit ohne elektronische Helfer."

Eine Pflicht zur Nachrüstung älterer Lkw mit automatischen Bremssystemen lehnen Schmidt und andere Vertreter der Speditionen ab. "Das wäre vor allem für kleinere und mittlere Unternehmen viel zu kostspielig", sagt der Geschäftsführer des Verbands Spedition und Logistik Nordrhein-Westfalen, Rüdiger Ostrowski. Auch große Spediteure würde eine Umrüstung zu sehr belasten. Nach Ostrowskis Schätzung koste der nachträgliche AEBS-Einbau bis zu 8000 Euro.

Das Bundesverkehrsministerium lässt derzeit prüfen, ob die Regelungen zur AEBS-Technik verschärft werden müssen. Dabei geht die Bundesanstalt für Straßenwesen auch der Frage nach, ob die Fahrer das System weiter abschalten dürfen oder nicht.

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