6. Februar 2013 16:33 Lamborghini Aventador Roadster Elitär, extrem, extrovertiert

Premiere: Erstmals verfügt der Lamborghini Aventador Roadster über ein brauchbares Stoffverdeck, sein einziger Kompromiss. Der Supersportler fasziniert, doch seine Schwächen überwiegen. Eine Ausfahrt.

Von Georg Kacher

Dieser Lamborghini strotzt nur so vor italienischem Selbstbewusstsein: messerscharfes Ecken-und-Kanten-Design, dominante LED-Leuchtengrafik an Bug und Heck, Breite mit Spiegeln 2,26 Meter. Unter der panzerförmigen Abdeckung ein waberndes, bollerndes, sprotzendes V12-Kraftwerk. Der Aventador Roadster fällt selbst dann auf wie ein bunter Hund, wenn er mattweiß lackiert ist wie unser rot-schwarz ausgelederter Testwagen. Das Dach besteht aus zwei knapp sechs Kilo leichten Karbonschalen, die zwischen Windschutzscheibe und Überrollbügel eingespannt sind. Zwei Handgriffe genügen und das Coupé mutiert zum Targa. Die Dachhälften passen in den Kofferraum, der in Folge allerdings wegen Überfüllung schließen muss - keine guten Voraussetzungen für eine Wochenendreise.

Sein V-12-Motor röchelt wie ein wilder Stier und säuft wie ein Ochse: der Lamborghini Aventador Roadster LP 700-4.

(Foto: STG)

Schon bald wird klar: Wer Aventador fahren will, muss Kompromisse eingehen. Bei geschlossenem Verdeck stören der beschwerliche Einstieg, die nur ansatzweise Ampelsicht und die erstaunlich hohen Fahrgeräusche. Wer es noch lauter mag, kann auf Knopfdruck das Heckfenster versenken und so eine Phonbrücke zum omnipräsenten V12 schlagen. Wer es etwas luftiger haben möchte, darf das Dach öffnen und das ebenso effiziente wie hässliche Windschott montieren. Wer lieber gleitet als hetzt, sollte trotzdem das Automatik-Fahrprogramm ignorieren, das sich beim Schalten viel Zeit lässt, träge auf Gaspedalbefehle reagiert und auf niedrigstem Drehzahlniveau vor sich hin werkelt. Das andere Extrem heißt Corsa. In diesem Modus werden die Gänge mit Vehemenz durch die Schaltgassen gepeitscht, arbeitet das ESP-Sicherheitsnetz mit maximaler Maschenweite, schärft die Lenkung ihre ohnehin aufmerksame Kennung, wechseln die Pushrod-Dämpfer von kompromisslos auf unnachgiebig, fährt der bewegliche Heckspoiler in Hab-Acht-Stellung.

700 PS, 6,5 Liter Hubraum

Analog zum Coupé vertraut auch der Open-Air-Aventador auf vier angetriebene Räder, ein Sperrdifferenzial und optionale Breitreifen. Bei Trockenheit sind Grip und Traktion über jeden Zweifel erhaben, doch auf feuchtem Asphalt stellen bis zu 690 Nm Muskelschmalz das Stabilitätsprogramm auf eine harte Probe. Soll die volle Leistung abgerufen werden, sind hohe Drehzahlen unumgänglich. Die Nennleistung von 700 PS steht bei 8250 Kurbelwellenumdrehungen zur Verfügung, den Drehmomentgipfel erreicht das 6,5-Liter-Aggregat erst bei 5500 Kurbelwellenumdrehungen. Die Fahrleistungen lesen sich wie ein Auszug aus dem Buch der Rekorde: 0-100 km/h in drei Sekunden, 0-200 km/h in knapp neun Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 350 km/h. Lamborghini nennt als Mixverbrauch einen Wert von 16 Liter, aber trotz streng überwachtem US-Tempolimit, Zylinderabschaltung und fleißig intervenierendem Start-Stopp-System kam unser Kraftkeil mit einer 90-Liter-Tankfüllung keine 300 Kilometer weit.

Der 357.000 Euro teure Roadster ist eine Fahrmaschine mit ausgeprägten Stärken und Schwächen. Was der Lambo offenbar nicht mag, sind hohe Temperaturen über 33 Grad, schlechten US Sprit und wellige Schlaglochpisten. Der Aventador will hoch drehen dürfen, manuell geschaltet werden und im Corsa-Trimm den Grenzbereich erkunden. Erst wenn sich die Pirellis richtig warm gewalkt haben, wenn die Keramikbremse den nahtlosen Übergang vom Wummern zum Knistern absolviert hat, und wenn die Regel-Chips sich auf den ambitionierten Fahrstil eingestellt haben, dann zoomt uns der Aventador so souverän von A nach B wie Wesen von einem anderen Stern. Das Ambiente ist insgesamt stimmig, doch noch vor dem ersten Boxenstopp macht uns der mäßige Sitzkomfort zu schaffen: Das Gestühl ist zu dünn aufgepolstert und nicht ausreichend verstellbar. Kritik verdient auch die unübersichtliche Karosserie. Zudem sind die papageibunten Elektronikdisplays weniger stilvoll und schlechter abzulesen als die guten alten Analoguhren.

Fazit: Der offene Aventador ist ein ausgesprochen exaltiertes Straßenmöbel, das besser geht als jeder Ferrari. Dank des trittfesten Allradantriebs riskieren selbst Neueinsteiger nicht automatisch Kopf und Kragen. Auch mit dem Verdeck kann man jetzt gut leben - kein Vergleich zum Stoffdach-Fiasko des Murcielago Roadster. Trotzdem reicht es nicht zu einer Eins mit Stern: Der Aventador ist für das wahre Leben zu breit, zu unhandlich, zu unübersichtlich und zu unkomfortabel. Außerdem hätte das Lamborghini-Topmodell ein geschmeidigeres Getriebe verdient und einen effizienteren Motor.