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Zurückgehaltene Daten:"Irreführung durch Verschweigen"

"Ineffektiv und potentiell schädlich" ist das Antidepressivum "Reboxetin". Das belegen Studien, die vom Hersteller nicht veröffentlicht wurden.

Werner Bartens

Die Schlussfolgerung des Fachartikels könnte kaum vernichtender ausfallen. "Reboxetin ist insgesamt ein ineffektives und potentiell schädliches Antidepressivum", schreiben die Autoren um Dirk Eyding und Beate Wieseler im angesehenen British Medical Journal vom heutigen Donnerstag (Bd. 341, S.c4737, 2010).

Recherchen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben ergeben, dass mindestens 16 Studien mit insgesamt 4600 Patienten für Reboxetin existierten. Pfizer hat aber nur sechs Untersuchungen vollständig zur Verfügung gestellt.

(Foto: AP)

Die deutschen Ärzte und Studienexperten haben sorgfältig die verfügbaren Daten analysiert und sind zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen. Im Vergleich zu anderen Antidepressiva wie auch zu Placebos zeigt sich, dass der Wirkstoff Reboxetin, der unter den Namen Edronax und Solvex im Handel ist, nicht besser gegen Depressionen hilft als Scheinmedikamente. Allerdings klagten Patienten über erheblich mehr Nebenwirkungen.

Brisant ist das Ergebnis deshalb, weil das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) im Jahr 2009 den Nutzen von Reboxetin bewerten sollte.

Eine sinnvolle Analyse der Arzneien gegen die Schwermut war nach Angaben der Prüfer allerdings nicht möglich, denn sie erhielten von der Herstellerfirma Pfizer nur einen Bruchteil der vorhandenen Daten.

Recherchen des Instituts ergaben, dass zwar mindestens 16 Studien mit insgesamt 4600 Patienten für das Medikament existierten. Laut IQWiG stellte Pfizer aber nur sechs Untersuchungen vollständig zur Verfügung. "Irreführung durch Verschweigen ist kein Kavaliersdelikt", empörte sich seinerzeit Peter Sawicki, damals noch Chef des Prüfinstituts, das Ende 2009 keinen Nutzen des Mittels entdecken konnte.

Seitdem wird das 1997 in Deutschland zugelassene Medikament nicht mehr von den Krankenkassen erstattet. In den USA wurde die Zulassung wegen negativer Ergebnisse von vornherein verweigert.

Nach dem IQWiG-Bericht entschloss sich der Hersteller zur Kooperation und stellte zehn - bisher nicht publizierte - Studien zur Verfügung, die nun die Grundlage für die negative Bewertung bilden.

Selektiv nur die Studien zu veröffentlichen, die positive Ergebnisse liefern, ist eine der häufigsten und tückischsten Fehlerquellen in der Medizin. Die Wirkung von Therapien und Diagnostik wird dadurch überschätzt - im Fall Reboxetin gravierend.

Experten vermuten, dass die Hälfte aller begonnenen klinischen Studien nicht in die Öffentlichkeit gelangt. Nicht nur die Industrie, sondern auch unabhängige Forscher neigen dazu, nicht zu publizieren, was ihnen nicht gefällt - zum Schaden der Patienten und Beitragszahler.

© SZ vom 14.10.2010/mcs

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