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Unnütze Technik:Digitalisierung bis in die Bartspitzen

Im Barber-House in der Pacellistraße in München, 2014

Ein Pinsel und eine Klinge - mehr brauchen Männer nicht.

(Foto: Catherina Hess)

Die Klingenschmiede Gillette hat einen Nassrasierer entwickelt, den man im Internet anmelden kann. Das führt zu einer wichtigen Frage: Geht's noch?

Ein Kommentar von Werner Bartens

Wenn es ein Mann morgens vor den Spiegel geschafft hat, ist seine typische Reaktion: Kenn ich nicht, rasier ich nicht. Will er dann doch irgendwann frisch in die Welt treten, steht er in einer langen Tradition geschliffener Kulturtechniken. Das Rasiermesser, am Lederriemen geschärft, ist ein Sinnbild der Männlichkeit. In Filmen markiert es oft den knisternden Wendepunkt, wenn der Barbier dem Protagonisten die Klinge an die eingeschäumte Kehle setzt. Das andere Bild, das die männliche Rasur unweigerlich evoziert: Kaffeeduft zieht durch die Wohnung, der Mann schabt sich die Stoppeln vom Kinn, ein Pyjama liegt nachlässig auf dem Bett . . .

Man muss diese Ikonen maskulinen Selbstverständnisses beschwören, um angemessen zu würdigen, was der männlichen Gesichtshaut droht. Die internationale Klingenschmiede Gillette plant, die "Perfect Shave Box" auf den Markt zu bringen. Darin liegt ein fünfschneidiges Ungetüm, doch der Clou ist die Box. An der befindet sich ein Sensor, sodass sich auf Knopfdruck neue Klingen bestellen lassen, sollten die alten zur Neige gehen. Man muss sich vorher allerdings anmelden. "Registriere dein Gerät", "Drücke den Order-Button", "Bestätige die Bestellung über den Bestätigungs-Link in der e-Mail" - schon werden "neue Klingen zugeschickt, schnell und einfach".

Wie das geht? "Die Gillette-Box ist über eine GSM-Anbindung mit uns verbunden. Für die zuverlässige Anbindung haben wir mit der Deutschen Telekom einen starken Partner gefunden", so der Hersteller.

Beim Rasieren ein Aufwand, als ob man das Intranet des BND kapern wollte

Mal abgesehen davon, dass "Telekom" und "zuverlässig" ein originelles Tandem bilden. Mal abgesehen davon, dass der Sensor derzeit zehn Sekunden gedrückt werden muss, bis die Bestellung losgeschickt wird. Geht's noch, liebe Gillette-Nerds, ist das euer Ernst? Wir Männer wollen uns rasieren - und dazu nicht einen Aufwand treiben müssen, als ob wir das Intranet des BND kapern wollten.

Vielleicht seht ihr das bald ein, liebe Rasier-Industrie: Manche Produkte sind ausgereift, da braucht es keine weitere Innovation. Eine Klinge war schon gut. Von der zweiten Klinge ließen wir uns überzeugen, weil die erste im Werbe-Comic das Haar anhob, damit die zweite wurzelnah schneiden konnte. Die dritte Klinge "Mach 3" klang verdächtig nach Weltraum und unendlichen Schneiden. Jetzt, bei mittlerweile fünf Klingen, haben wohl auch die Hersteller erkannt, dass sich kein Mann mit einem Gitterrost von sechs oder acht Klingen rasieren wird. Lasst den Schnickschnack, wir wollen keinen Sensor und keine Online-Registrierung, nur scharfe Kante. Oder wollt ihr wirklich, dass wir voller Verzweiflung diesen Großvater-Hobel von Manufactum ordern? Dann schon lieber Dreitagebart.

© SZ vom 14.03.2015
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