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UN-Klimakonferenz in Warschau:"Entweder ihr bewegt euch, oder ...

Im vergangenen Jahr haben die Verhandler in Doha beschlossen, in Warschau Institutionen zu schaffen, um mit "Loss and Damage" umzugehen. Wie wahrscheinlich ist es, dass es dazu kommt?

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Teilnehmer intensiv darüber verhandeln und auch etwas beschließen. Ich halte es aber für ganz und gar unwahrscheinlich, dass auf der Konferenz in Warschau ein robuster Mechanismus ausgearbeitet und verabschiedet wird. Dafür haben die Vorarbeiten gefehlt, weil die Industrieländer keinen politischen Willen dazu aufbringen. Auf der anderen Seite gibt es die Entscheidung von Doha und hohe Erwartungen vor allem der kleinen Inselstaaten und Afrikas. In dieser Kombination dürfte "Loss and Damage" ein ganz heißes Eisen in Warschau werden.

Was passiert, wenn sich die Industrieländer nicht bewegen?

Sollte es überhaupt kein Fortschritt geben, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass die am wenigsten entwickelten Staaten mit Unterstützung der Inselstaaten die Verhandlungen scheitern lassen. Schon in Doha haben diese beiden Staatengruppen gesagt: Entweder ihr bewegt euch oder wir stimmen nirgends zu.

Die Länder streiten auch darüber, woher das Geld für den Ausgleich und die Begrenzung der Klimaschäden kommen soll. Da böte sich doch der Green Climate Fonds an, der hundert Milliarden Dollar pro Jahr vorsieht?

Das ist fürs Erste wohl der aussichtsreichste Weg. Wir brauchen den Deckel der hundert Milliarden Dollar pro Jahr, dann ist das finanzielle Risiko für die Industrieländer begrenzbar. Und dann werden sie vermutlich auch ihre rote Linie verschieben und konstruktiv an einem Mechanismus mitarbeiten.

Wie könnte solch ein Mechanismus aussehen?

Erst einmal müssen wir Risikoprävention und Katastrophenschutz ausbauen. In Bangladesch kommen durch extreme Zyklone, die seit den 1970er Jahren stark zugenommen haben, zehntausende Menschen ums Leben. Wenn eine Flutwelle über das völlig flache Land angerast kommt, braucht es Schutzgebäude, die wie Bunker auf Stelzen mit Stahltüren ausschauen. Im Augenblick haben etwa zehn Prozent der Betroffenen Zugang zu einem solchen "Cyclone Shelter". Um auch den Rest zu schützen, sollte ein internationaler Mechanismus den Bau solcher sturm- und hochwassersicheren Schutzgebäude finanzieren. Bangladesch mit seinem Etat, der gerade eineinhalb mal so groß ist wie der von Hamburg, ist heillos überfordert.

Ein anderer Punkt sind die Kompensationen für Verluste. Kann man sich gegen Klimawandel versichern?

Rein privatwirtschaftlich geht das nicht - das Risiko ist einfach zu hoch. Aber ein Land wie Äthiopien könnte eine Pflichtversicherung einführen. Da nicht alle von Dürren bedroht sind, mindert das das Risiko der Versicherung. Staatliche Banken, in Deutschland etwa die KfW, könnten als Risikokapitalgeber noch etwas drauflegen.

Wo liegen hier die Grenzen?

Die Carteret-Inseln, die zu Papua-Neuguinea gehören, wird niemand mehr versichern. Die sind verloren. Deshalb baucht es noch eine Absicherung der Verluste, die sich nicht versichern lassen. Hier lauern allerdings die größten finanzielle Risiken. In Bangladesch leben bereits heute 30 Millionen Menschen in der Deltaregion, die bis Ende des Jahrhunderts überflutet ist. Dämme wie in den Niederlanden oder Deutschland schützen dort nicht mehr.

Schon heute ziehen pro Woche 20.000 Menschen aus dem Süden in die Hauptstadt Dhaka - zum Teil wegen des Klimawandels. Alle Experten gehen davon aus, dass Umwelt- und Klimaveränderungen in den nächsten Dekaden die mit Abstand größten Ursachen für Migration sein werden. Zwischen 50 Millionen und mehreren hundert Millionen Flüchtlinge werden erwartet. Klar ist: Bei einem so dicken Brett kommt auch ein Green Climate Fonds schnell an seine Grenzen. Sich aber deswegen dem Problem ganz zu verweigern, führt erst recht nicht weiter.

© Süddeutsche.de/mcs/liv

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