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Umweltschutz im Wahlkampf:Klimawandel

SZ: Mit dem Ehrenamt gegen die Apokalypse?

Welzer: Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen. Aber Engagement kann sehr vielfältig sein. Das beginnt schon beim Konsum, indem man nur Produkte mit einer guten Umweltbilanz kauft.

SZ: Wie kommt man vom Einkaufswagen zu einem Welt-Klimaabkommen?

Welzer: Zivilgesellschaftliche Initiativen müssen Politik und Gesetzgebung unter Druck zu setzen, um eine höhere kulturelle Wandlungsgeschwindigkeit zu erreichen. Ein gutes Beispiel ist das Einspeisegesetz, nachdem Privatleute ihren etwa durch Solarzellen erzeugten Strom in das allgemeine Stromnetz einspeisen dürfen. Das haben nicht Beamte im Ministerium erfunden. Es entstand, weil private Windkraftbetreiber Prozesse geführt und Solarinitiativen Kampagnen gemacht haben, die von der Politik aufgegriffen wurden.

SZ: Ein klimaverträglicher Lebensstil verlangt eine gewaltige Senkung von Emissionen und Energieverbrauch: Wie wollen Sie zum Verzicht bewegen?

Welzer: Man denkt zu selten darüber nach, welchen Verzicht der jetzige Lebenstil bedeutet. Die Folgekosten der Mobilität zum Beispiel sind enorm: Wenn man sich klar macht, wie unser ganzes Land zugekleistert ist von Autobahnen, Parkplätzen, Blech in den Straßen, dass wir Stunden im Stau stehen und uns immer noch jährlich mehr als 4000 Verkehrstote leisten ...

SZ: Es macht trotzdem Spaß, mit dem Cabrio durch Südfrankreich zu fahren.

Welzer: Allerdings. Aber wir halten spontane Mobilität für eine Selbstverständlichkeit, dabei wurde das Auto nicht von den Römern erfunden. Als Massenverkehrsmittel hat es sich erst nach dem Krieg etabliert. Das kommt einem nur normal vor, weil man es nicht anders kennt. Vielleicht muss man sagen, es war zwar schön, mit dem Cabrio herumzuheizen, aber es gibt auch Dinge, die gehen nicht mehr. Ist denn jede Form von Freizeitgestaltung ein Menschenrecht?

SZ: Wollen Sie definieren, was falsche und was richtige Bedürfnisse sind?

Welzer: Keinesfalls. Ich fordere nur dazu auf, ehrlich Bilanz zu ziehen, worauf jeder einzelne aufgrund des jetzigen Lebensstils de facto schon verzichtet. Mich persönlich nervt zum Beispiel die ständige Herumreiserei, die schrecklichen Mitreisenden in den Wochenendzügen, die Demütigungsrituale beim Sicherheitscheck am Flughafen. Für mich wäre weniger Mobilität Luxus und CO2-Reduktion zugleich. So sollte jeder für sich Handlungsspielräume suchen, die zu einem klimafreundlicheren Lebensstil führen und ihn dabei sogar bereichern! Und wer vom Cabrio wirklich nicht lassen kann, muss vielleicht überlegen, ob er in anderen Bereichen kompensieren kann.

SZ: Es geht also ohne größere Verluste?

Welzer: Wer weiß das schon? Das Projekt eines Gesellschaftsumbaus, wie er notwendig wird, können wir uns ohnehin heute nicht im Detail vorstellen. Auf jeden Fall werden wir unser Lebensstil ziemlich umstellen müssen. Die Frage ist nur, ob man das als Horrorszenario empfindet oder als eine Herausforderung, die zu bewältigen, sogar Spaß macht.

Von Harald Welzer und Claus Leggewie erschien soeben das Buch: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie. S.Fischer, Frankfurt 2009, 19,95 Euro.