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Umweltschutz im Wahlkampf:Zukunftsmodell Öko-Diktatur?

SZ: Um dem Klimawandel vorzubeugen, müssten wir jetzt viel investieren für erhoffte Effekte im Jahr 2050 oder 2100. Das ist schwer durchzusetzen.

Welzer: Das sind immerhin die Lebenszeiträume unserer Kinder und Enkel. Aber es stimmt: Der Klimawandel hat eine Zeitstruktur, in der Ursache und Wirkung weit auseinanderliegen. Das ist ein weiterer Grund, wieso ihn Demokratien mit ihren Legislaturperioden so schwer in den Griff bekommen. Wenn sie das allerdings nicht schaffen, dann könnten die kommenden Krisen die Demokratie gefährden. Unser politisches System legitimiert sich derzeit stark durch seine Leistungen. Wenn aber die Versorgungserwartungen nicht mehr erfüllt werden, erodiert die Loyalität zur Demokratie.

SZ: Bislang nahm die politische Theorie an, dass Demokratien prinzipiell leistungsfähiger sind als andere Systeme.

Welzer: Der wirtschaftliche Erfolg der chinesischen Gesellschaft beruht nicht auf Demokratie. Offenbar bringt es einen Vorteil, wenn man einfach planen und exekutieren kann, ohne langwierige Verfahren, so wie bei uns.

SZ: Können autoritäre Systeme auch Umweltprobleme effektiver angehen?

Welzer: Das ist die heiße Frage. China ist eben nicht nur eine Diktatur autistischer Politbonzen. Offenbar ist das System gar nicht so schlecht darin, zu registrieren, wo die Schuhe drücken und dann relativ schnell gegenzusteuern, auch bei Themen wie dem Umbau der Energieversorgung. So investieren die Chinesen mittlerweile massiv in erneuerbare Energien. Sie befürchten unter anderem, dass das Abschmelzen der Himalaya-Gletscher zu Problemen mit der Wasserversorgung führt, die zur Umsiedlung von Millionen Menschen zwingen könnten. Außerdem wollen sie so ihre Autarkie stärken.

SZ: Sind das Argumente für eine Öko-Diktatur?

Welzer: Auf keinen Fall. Außerdem ist es noch nicht ausgemacht, ob autoritäre Systeme tatsächlich flexibel genug sind, um auf die steigende Entwicklungsgeschwindigkeit der Welt zu reagieren. Sie sind unflexibel, wenn etwas Überraschendes passiert. Ich glaube schon, dass die parlamentarische Demokratie die kommenden Probleme besser lösen kann, aber nur wenn sie ein Korrektiv aus einer Zivilgesellschaft politisch engagierter Menschen bekommt. Zuviele beschränken ihr politisches Engagement auf das Nölen vor dem Fernseher.

SZ: Woher soll die Politisierung kommen?

Welzer: Menschen sind nicht durch die Bank unpolitisch, zukunftsblind und verantwortungslos. Es gibt tiefverwurzelte Konzepte von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, von Mitgefühl und Generationenverantwortung. Viele Leute tun bereits mehr als sie müssten - im Naturschutz, im Verbraucherschutz, in Sport, Kultur oder im Sozialem. Dieses zivilgesellschaftliche Potenzial muss repolitisiert werden.