Übergewicht bei Kindern:Schlanker in die Schule

Deutschlands Kinder werden immer dicker, so die landläufige Meinung. Doch das stimmt offenbar nicht mehr. Das Durchschnittsgewicht der Grundschüler hat sich in den letzten Jahren reduziert - und mäßiges Übergewicht wird ohnehin nicht mehr so kritisch gesehen.

Werner Bartens

Sie sind der Joker in jeder Debatte um Fettleibigkeit und Übergewicht. Keine Diskussion über die dicken Deutschen kommt ohne den alarmierenden Hinweis aus, dass nicht nur die Erwachsenen aus dem Leim gehen, sondern auch die Kinder immer voluminöser werden.

Sommerferien-Kinderbetreuung in Unternehmen

Deutschlands Kinder werden immer dicker? Das dachte man bisher, doch neueste Untersuchungen zeigen, dass sich der Trend umgekehrt hat.

(Foto: dpa)

Das Problem an dieser Aussage ist - sie stimmt offenbar nicht mehr. Denn seit einigen Jahren ist die Gewichtsentwicklung der Kinder rückläufig. Ärzte der Universitätskinderklinik Ulm zeigen im Fachblatt European Journal of Pediatrics (online) anhand von umfangreichen Daten, dass die Grundschüler in Deutschland wieder schlanker werden.

Das Ulmer Team um Anja Moß hatte die Größen- und Gewichtsdaten von mehr als 600.000 Schulanfängern aus allen 16 Bundesländern ausgewertet. Als Grundlage dienten die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen aus dem Jahr 2008. Im Vergleich zu den letzten Erhebungen im Jahr 2004 war der Anteil der Übergewichtigen um bis zu drei Prozent zurückgegangen. Diese Veränderung ließ sich in 14 Bundesländern beobachten, lediglich in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz war ein minimaler Anstieg zu verzeichnen.

"Die gezeigte Entwicklung bedeutet aber keinesfalls, dass wir unsere Bemühungen zur Prävention von Übergewicht und Adipositas einstellen können", sagt der an der Studie beteiligte Ulmer Kinderarzt Martin Wabitsch. "Trotz des dokumentierten Rückgangs bleiben die Raten übergewichtiger und adipöser Einschüler in Deutschland auf einem hohen Level."

Bremen und Thüringen haben innerhalb Deutschlands mit 11,9 Prozent den größten Anteil übergewichtiger Schulanfänger - hier liegt Bayern bei 8,6 Prozent und wird damit nur noch von Brandenburg (8,5 Prozent) und Sachsen (8,4 Prozent) knapp unterboten. Noch dickere und daher als fettleibig bezeichnete Schüler machen 5,4 Prozent der Erstklässler im Saarland und 5,1 Prozent in Thüringen aus. Hier weisen wiederum Brandenburg und Sachsen mit 3,3 Prozent bundesweit den niedrigsten Anteil auf; auch Bayern kommt nur auf 3,4 Prozent.

Warum es weniger dicke Kinder gibt, wissen die Forscher nicht

Ehrlich gesagt wissen wir nicht, warum wir einen Rückgang des Gewichts beobachten", sagt Hauptautorin Anja Moß. "Ein gesteigertes Bewusstsein für Übergewicht und die Aufklärungsbemühungen von Ärzten und Fachverbänden tragen vermutlich dazu bei." Inwieweit gezielte Präventionskampagnen dazu geführt haben, dass weniger Kinder dick werden, lasse sich aus den vorhandenen Daten nicht ableiten.

Übergewicht und Fettleibigkeit im Kindesalter gehen mit verschiedenen Gesundheitsgefahren einher: Die Risiken für Bluthochdruck, Diabetes und orthopädische Leiden steigen, zudem haben übergewichtige Kinder öfter psychische Probleme und leiden häufiger an Depressionen. "Die meisten Eltern und auch die Kinder wissen, dass sie sich mehr bewegen, besser ernähren und ihr Verhalten ändern sollten - sie schaffen es aber nicht", sagt Moß.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert vier Gewichtskategorien, und die meisten Ärzte und medizinischen Fachorganisationen haben diese Einteilung übernommen: Untergewicht besteht bei einem Body Mass Index (BMI) unter 18,5.

Ein BMI zwischen 18,5 und 24,9 gilt als Normal- oder Idealgewicht. Ein BMI von 25 oder mehr bedeutet Übergewicht, jenseits der 30 sprechen Ärzte von Adipositas oder Fettleibigkeit. Der BMI errechnet sich, indem das Gewicht durch die ins Quadrat genommene Körpergröße (in Metern) geteilt wird. Bei 1,80 Metern Größe und 80 Kilogramm Gewicht liegt der BMI demnach bei 24,7.

Diese Werte gelten für Erwachsene. Bei Kindern verändert sich sowohl alters- als auch geschlechtsbedingt die Körpermasse mit der Entwicklung. Ihr BMI wird daher in bundesweit einheitliche Wachstumskurven eingetragen, aus denen sich im Vergleich mit Gleichaltrigen die Einteilung in Normal-, Übergewicht oder Fettleibigkeit ermitteln lässt. Übergewicht liegt vor, wenn 90 Prozent der Gleichaltrigen einen geringeren BMI aufweisen, bei Fettleibigkeit liegt das Gewicht höher als bei 97 Prozent der Vergleichsgruppe.

Selbst in den USA steigt der Anteil der Übergewichtigen nicht mehr

Im Januar dieses Jahres hatten bereits drei Artikel im Fachblatt Journal of the American Medical Association (Bd. 303, S. 235, 242, 275, 2010) darauf hingewiesen, dass der Anteil der Übergewichtigen auch in den USA nicht mehr steigt. Katherine Flegal und ihr Team vom Nationalen Zentrum für Gesundheitsstatistik in Hyattsville hatten die jüngsten Daten von mehr als 4000 Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen sowie von 5555 Erwachsenen analysiert, die ebenfalls 2008 erhoben wurden.

Demnach gehörten in den USA 9,5 Prozent der Kinder und etwa 18 Prozent der Jugendlichen zur Gruppe der Übergewichtigen. Dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren ziemlich konstant geblieben.

Dass die Kinder in den wohlhabenden Staaten nicht von Jahr zu Jahr immer dicker werden, hatte sich zuletzt schon in etlichen Ländern angedeutet, darunter in Dänemark, Schweden, Frankreich, Griechenland, der Schweiz, Russland und Australien.

Leichtes bis mittleres Übergewicht wird ohnehin nicht mehr so kritisch gesehen wie noch in den 1990er-Jahren. Große Metaanalysen bei Erwachsenen haben gezeigt, dass etwas molligere Mitmenschen seltener krank werden und eine höhere Lebenserwartung haben als die ranken Idealgewichtigen.

Für Kinder gibt es solche Daten bisher nicht. "Wer mit drei oder acht Jahren leicht übergewichtig ist, bei dem gibt sich das mit dem nächsten Wachstumsschub womöglich wieder", sagt Anja Moß. "Wer in jungen Jahren aber schon fettleibig ist, tut seiner Gesundheit bestimmt nichts Gutes."

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