Tiefseebergbau:"Mit den Knollen verschwinden die Tiere"

Tiefseebergbau: Viele Bewohner der Tiefsee würden durch den Abbau von Manganknollen schwer geschädigt.

Viele Bewohner der Tiefsee würden durch den Abbau von Manganknollen schwer geschädigt.

(Foto: imago stock&people/imago/Bluegreen Pictures)

Schon bald könnten riesige Maschinen Manganknollen in der Tiefsee ernten. Pedro Martinez Arbizu erforscht die ökologischen Folgen davon - und plädiert dafür, mit dem Abbau gar nicht erst anzufangen.

Von Tina Baier;

In Jamaika tagt gerade die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA), um Regeln für den Abbau von Manganknollen und anderen Metallen in der Tiefsee festzulegen. Die Zeit drängt: Am vergangenen Wochenende lief eine Frist aus. Nun können Firmen bei der ISA Anträge auf Abbau stellen. Theoretisch können diese Anträge auch genehmigt werden, wenn es der ISA während ihrer Tagung wieder nicht gelingt, Regeln für den Bergbau in der Tiefsee festzulegen. Pedro Martinez Arbizu, Direktor des Instituts Senckenberg am Meer, glaubt nicht, dass Bergbau in der Tiefsee ökologisch verträglich funktionieren kann.

SZ: Herr Martinez Arbizu, Sie und Ihr Team sind an dem Projekt "Mining Impact" beteiligt, in dem erforscht werden soll, ob und welche Schäden Tiefseebergbau anrichtet. Gibt es schon Ergebnisse?

Pedro Martinez Arbizu: Ja, der Abbau der Manganknollen mit großen Maschinen wäre aus mehreren Gründen schädlich. Zum einen sind die Manganknollen in den Abbaugebieten der Tiefsee das einzige feste Substrat, an dem sich Tiere wie Korallen, Schwämme, Moostierchen oder Anemonen, die einen festen Untergrund brauchen, festhalten können. Diese Tiere würden also mit den Knollen verschwinden. Sie würden auch nicht zurückkommen, denn die Knollen wachsen ja sehr langsam nach. Sie sind in einem Prozess entstanden, der Millionen Jahre gedauert hat. Die Arten würden in den Abbaugebieten also aussterben.

Wie viele verschiedene Arten wären denn betroffen?

Das ist nicht bekannt, aber vermutlich sehr viele. Die Tiefsee ist sehr artenreich, aber es gibt von jeder Art nur wenige Individuen. Wenn man bei Tauchgängen Tiere einsammelt, handelt es sich bei fast jedem um eine andere Art und in 90 Prozent der Fälle auch um eine noch unbekannte. Ich gehe davon aus, dass Tausende noch unbekannte Arten lokal aussterben könnten, wenn der Abbau beginnt. Ob sie ganz aussterben werden, wissen wir nicht, weil sehr wenig über die Verbreitung von Spezies in der Tiefsee bekannt ist. Aber das Gebiet, in dem abgebaut werden soll, ist riesig.

Als Erstes würden Manganknollen wahrscheinlich in der Clarion-Clipperton-Zone im Pazifik zwischen Hawaii und Mexiko abgebaut.

Das Gebiet ist ungefähr so groß wie Europa. Verschiedene Länder haben dort Lizenzen für Gebiete mit einer Fläche von jeweils 75 000 Quadratkilometern, das entspricht etwas mehr als der Größe Bayerns. Dort alle Manganknollen abzubauen, würde mehrere Jahrzehnte dauern. Doch wenn erst einmal alles abgebaut ist, wird sich die Fauna davon wahrscheinlich nicht mehr erholen.

Tiefseebergbau: Pedro Martinez Arbizu ist Direktor des Instituts Senckenberg am Meer. Der Tiefseeforscher beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Manganknollen-Ernte auf die Lebewesen im Ozean.

Pedro Martinez Arbizu ist Direktor des Instituts Senckenberg am Meer. Der Tiefseeforscher beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Manganknollen-Ernte auf die Lebewesen im Ozean.

(Foto: Gritta Veit-Köhler)

Warum nicht?

Die Regenerationsfähigkeit der Tiere in der Tiefsee ist sehr gering. Alle Prozesse sind verlangsamt, weil es mit etwa zwei Grad Celsius sehr kalt ist und weil es wenig Nahrung gibt. Deshalb wachsen die Tiere sehr langsam und vermehren sich auch langsam. Vor Start des Abbaus muss also an Schutzkonzepte gedacht werden. Wir gehen außerdem davon aus, dass nicht nur die Fauna im direkten Abbaugebiet betroffen ist, sondern zusätzlich auch Tiere in anderen Gebieten.

Wie das?

Beim Abbau der Knollen werden ungefähr die ersten zehn Zentimeter Sediment aufgewirbelt. Die feinen Partikel werden vom Wasser wie eine Wolke wegtransportiert. In einem Radius von etwa fünf bis zehn Kilometern um das Abbaugebiet herum setzt sich die Sedimentwolke dann wieder ab und verschüttet die Tiere, die dort leben. Das werden viele Arten nicht verkraften. Tiere, die nicht komplett verschüttet werden, werden viel Energie verbrauchen müssen, um sich wieder zu säubern. Weil es in der Tiefsee wenig Nahrung gibt, ist es schwierig, die dafür nötige zusätzliche Energie aufzubringen. Dadurch könnten die Tiere geschwächt werden, was zur Folge haben kann, dass sie sterben oder dass sie sich zumindest nicht mehr vermehren. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele Arten, die im Sediment leben und daran angepasst sind, im Sediment zu wühlen. Diese Tiere werden vermutlich wenig beeinträchtigt werden. Das herauszufinden, steht momentan im Zentrum unserer Arbeit.

Was passiert, wenn Firmen demnächst Abbauanträge stellen und diese von der ISA genehmigt werden? Wird dann sofort losgebaggert?

Die kanadische Firma The Metals Company hat bereits die Technologie, die Knollen zu ernten und anschließend an die Meeresoberfläche auf ein Schiff zu befördern. Die belgische GSR kann zwar die Knollen auf dem Meeresgrund ernten, hat aber noch keine Technologie getestet, um sie nach oben zu transportieren. Es fehlen auch noch Verfahren, um die Manganknollen optimal zu verarbeiten, um möglichst viele Metalle aus ihnen herauszuholen. In den Manganknollen ist ja nicht nur Mangan enthalten, sondern unter anderem auch Kupfer, Nickel und Kobalt.

Wie lange dauert es, bis alles fertig ist und in großem Maßstab Tiefseebergbau betrieben werden kann?

Das ist schwer abzuschätzen, aber ich kann Ihnen gerne meine persönliche Meinung dazu sagen: Ich glaube, dass es in den nächsten Jahren weitere Tests geben wird. Aber um die Manganknollen in großem Maßstab abzubauen, sind gewaltige Investitionen notwendig und die Technologie muss so ausgereift sein, dass 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag gearbeitet werden kann. Die Maschinen, die es jetzt gibt, sind alle Prototypen. Sie fallen gelegentlich aus und müssen repariert werden. Mit jedem Test wird Erfahrung gesammelt und die Technologie verbessert. Doch um die Knollen im industriellen Maßstab abzubauen, müssen sich wahrscheinlich größere Firmen beteiligen als die, die momentan dabei sind.

Wie wahrscheinlich ist es, dass sich solche Investoren finden?

Das hängt von vielen Faktoren ab, die alle schwer vorherzusagen sind. Zum Beispiel davon, welche Metalle in Zukunft gebraucht werden, ob anderswo Vorkommen entdeckt werden, die mit weniger Aufwand abgebaut werden können, und wie sicher die Märkte sind. Aber wenn man sich dazu entschließt, könnte es in wenigen Jahren losgehen.

Die ISA arbeitet ja schon seit Jahren an Regeln für den Abbau. Ist es aus Ihrer Sicht überhaupt möglich, den Tiefseebergbau wenigstens halbwegs umweltverträglich zu gestalten?

Klar ist, dass der Tiefseebergbau nicht nachhaltig ist. Er wird wahrscheinlich auch ökologisch nie vertretbar sein. Deshalb sollten wir es aus meiner Sicht erst einmal nicht machen. Die von der Bundesregierung vorgeschlagene vorsorgliche Pause ist meiner Meinung nach der richtige Weg. Wir müssen die ökologischen Folgen des Tiefseebergbaus besser verstehen. Dafür ist mehr Forschung notwendig. In der Praxis wird neben der Wirtschaftlichkeit wahrscheinlich aber eine andere Frage darüber entscheiden: Wo nimmt man die Metalle in Zukunft her, wenn man sie nicht aus der Tiefsee holt? Und sind die anderen Fördermethoden etwa im Tagebau an Land, bei dem ja auch große Flächen zerstört und Flüsse kontaminiert werden, dann moralisch vertretbarer?

Die Wahl zwischen zwei Übeln.

Im Prinzip schon. Leider ist es so, dass die Menschheit auf der Erde einen riesigen Fußabdruck hinterlässt.

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