bedeckt München 21°

Technik:"Wir mussten vieles ändern"

Die Long Now Foundation wollte den "Prototyp I" weiterentwickeln. Im Jahr 2000 luden sie Ludwig Oechslin ein, heute Direktor des Schweizer Internationalen Uhrenmuseums in La Chaux-de-Fonds und selbst Konstrukteur innovativer Zeitmesser. Oechslin sollte das Design durchleuchten. Sein Fazit: Der Mechanismus funktioniert, doch um 10.000 Jahre zu laufen sei die Uhr zu groß und zu kompliziert: "Das erhöht über die Jahrtausende die Zahl möglicher Fehlerquellen." Rückblickend gibt ihm Alexander Rose, leitender Ingenieur des Projekts bei der Long Now Foundation, Recht: "Wir mussten vieles ändern."

Das geschah im Stillen, wenig beachtet von der Öffentlichkeit. Denn so populär das Thema Zeitmessung um die Jahrtausendwende war, so schnell drängten sich danach wieder andere Themen in den Vordergrund. In Kalifornien jedoch ging die Arbeit weiter. Das eigentliche Uhrwerk wurde völlig überarbeitet, bislang allerdings noch nicht der Allgemeinheit vorgestellt. Aber manches Detail ist bereits bekannt. So nutzt die Uhr zum Beispiel als Gewicht kein Metall, sondern schwere, präzise geschnittene Steinscheiben, die zusammen viereinhalb Tonnen wiegen.

Auch kommen raffinierte Mechanismen zum Einsatz. Zum einen ein Schlagwerk, das jeden Tag, an dem ein Besucher das Monument aufsucht, eine neue Melodie spielt - die Klangfolge soll sich in 10.000 Jahren nie wiederholen. Konzipiert hat diesen musikalischen Teil Brian Eno, doch die Berechnung bleibt dem komplexen Mechanismus überlassen.

Ein Pendel mit Titan-Gewicht, das alle zehn Sekunden hin und her schwingt, gibt den Zeittakt vor. Ein besonderer, bereits im ersten Prototypen vorhandener Kniff unterstützt die Uhr darin, zeitlich nicht allzu sehr abzudriften: Eine Linse an der Spitze des Berges wird Sonnenstrahlen einfangen, mit deren Hilfe nicht nur die Mittagszeit synchronisiert, sondern auch das Aufziehen des großen Werks unterstützt wird. So könnte die Uhr - zumindest theoretisch - 10.000 Jahre ohne menschliche Hilfe an einem Stück durchticken.

Die horologische Pilgerstätte soll zudem neben der Uhr mit weiteren Räumen ausgestaltet werden: Orte, die runden Jahrestagen gewidmet sind. Für den regelmäßigen Jahreswechsel plant die Long Now Foundation ein Orrery, eine mechanische Darstellung des Sonnensystems - einschließlich der Laufbahn von Sonden, die im 20. Jahrhundert die Planeten sowie die Sonne erkundeten. Was in der 10-Jahres- oder 100-Jahres-Jubiläumskammer zu sehen sein wird, ist noch offen. Den Raum, der Jahrtausendwechseln gewidmet ist, sollen künftige Generationen gestalten - ebenso jenen, in dem das Jahr 10.000 begrüßt werden soll.

Der Schweizer Ludwig Oechslin hegt trotz des geänderten Designs der Uhr zwar weiterhin Skepsis, aber er bewundert das Projekt auch. "Wichtiger als die physische Uhr selbst", sagt er, "sind womöglich ihre Ideale - wie sie beispielsweise Langsamkeit oder Langlebigkeit verkörpert. Und dieser Symbolcharakter hat auf jeden Fall Bestand, unabhängig davon, ob sie nun so reibungslos funktioniert wie geplant oder nicht."

Dass alles problemlos Jahrtausende übersteht, erwartet auch Alexander Rose nicht. Die größte Gefahr für die Uhr ist in seinen Augen nicht der Verschleiß, sondern der Mensch - Diebe, die wertvolle Werkteile stehlen, Kinder, die in der Mechanik herumklettern, oder unverbesserliche Tüftler, die meinen, sie müssten das Wunderwerk auf eigene Faust zerlegen.

Aber der Mensch bietet für Rose auch die größte Chance: "Vernünftige Menschen werden sich um die Uhr kümmern, sie aufziehen und warten." Mit der Zeit, hofft Rose, wird das Mysterium der Uhr in Culberson County wachsen. Und vielleicht werden sich die Menschen eines Tages tatsächlich fragen, wie sie Probleme wie Hunger, Krankheit und soziale Ungleichheit auch langfristig lösen können. Ob das funktioniert? In ein paar Jahrhunderten wissen wir mehr.