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Technik:Kein Verlass auf digitale Elektronik

Das älteste erhaltene Kalenderwerk der Menschheit ist der Antikythera-Mechanismus, der von einem um 220 vor Christus zwischen Kreta und Kythera gesunkenen Schiff geborgen wurde. Es sind korrodierte Bronzefragmente, die so zerbrechlich sind, dass sie das Athener Archäologische Nationalmuseum nicht verlassen dürfen. Die ältesten heute noch laufenden mechanischen Werke sind die Turmuhren der Salisbury-Kathedrale in England und des Prager Rathauses - allerdings fast ohne ein einziges original erhaltenes Bauteil. Da fragt sich, wie ernst Hillis die Idee einer 10.000-Jahre-Uhr gemeint haben kann.

Auf moderne digitale Elektronik will sich der Erfinder jedenfalls nicht verlassen. Heutige Datenträger können schon in wenigen Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr lesbar sein. Speicherformate ändern sich, Lesegeräte gehören bald zum Elektroschrott. Gerade deshalb sei es wichtig unsere Zeithorizonte zu erweitern, so Hillis - und künftigen Generationen ein Denkmal zu überlassen, das die kurzen Lebenszyklen der Mikroelektronik überdauert.

Das überzeugte Autoren wie den Vordenker der digitalen Elite in San Francisco, Steward Brand, und auch den Pionier elektronischer Musik, Brian Eno, der Hillis Uhr "eine gebaute Metapher" nennt, "dafür, dass es eine Zeit nach uns gibt." Gemeinsam mit dem Ideengeber gründeten sie 1996 in San Francisco die "Long Now Foundation", zu deutsch etwa die Stiftung der langen Gegenwart. Die Idee für den Namen hatte Eno, der glaubte, eine schleichend langsame Uhr würde den Menschen erlauben, die Alltagshektik der Neuzeit zu überwinden und Zeit als einen gedehnten Augenblick zu erleben.

Hillis machte sich daran, einen Prototypen zu entwerfen. Das stellte ihn vor einzigartige Aufgaben, schließlich weiß niemand, wie sich die Zivilisation in den kommenden Jahrtausenden entwickelt. Deshalb konnte er sich auch weder auf Atomuhren verlassen, noch auf Computer oder eine andere Elektronik. Der Mechanismus musste mechanisch sein - einfach genug, damit auch technisch weniger versierte Kulturen die Uhr dereinst warten und, falls nötig, reparieren können. Gleichzeitig musste das Präzisionswerk ausgefeilt genug sein, um 10 000 Jahre lang zu laufen, die Jahre nach dem Gregorianischen Kalender anzuzeigen und die Schaltjahre mitzuzählen.

Hillis Lösung war ein mechanischer Computer mit einem fest verschraubten Programm. Er wird nun wohl einer der langsamsten Rechner der Welt, dafür aber wohl der stabilste. Dieser solle zudem Mondphasen, Sonnenauf- und untergang, Sonnenwenden und die Stellung des Polarsterns anzeigen. Alle Zeitangaben berechnen übereinander gelegte Speichen- und Zahnräder, von denen das schnellste sich einmal am Tag bewegt, das langsamste einmal alle 10.000 Jahre.

Es gibt auch keine Zeiger, sondern Ringe, die über einem gewölbten Ziffernblatt die Tageszeit und die Himmelsmechanik abbilden. Als Antrieb dienen Gewichte, die, während sie auf Gewindestangen absinken, ein Drehpendel in Gang halten. Ein zweieinhalb Meter hoher Prototyp steht heute im Science Museum in London. Einmal im Jahr müsste dieser aufgezogen werden - das haben die Museumswärter allerdings schon einige Male vergessen.