Sprache Verzettelt

1894 begannen Wissenschaftler, das weltweit umfassendste Wörterbuch der lateinischen Sprache zu verfassen. 123 Jahre später sind ihre Nachfolger gerade mal beim Buchstaben R angelangt.

Von Claudia Doyle

Bayerische Akademie der Wissenschaften am Münchner Hofgarten, zweite Etage, hinterster Winkel. Die knarzende Tür gibt den Blick frei in einen lang gestreckten Raum. Die Möbel stammen aus den 1950er-Jahren, der einzige Computer scheint kurz danach angeschafft worden zu sein. "Das hier ist unser Allerheiligstes", erklärt Manfred Flieger. Der drahtige Mann mit gewellten grauen Haaren zeigt dabei auf die hohen Regale an den Wänden, in denen Tausende schwarzbraune Pappkartons lagern. Darin: an die zehn Millionen vergilbte Zettel.

Die Papiere bilden die Arbeitsgrundlage für das umfassendste Wörterbuch der lateinischen Sprache, den Thesaurus Linguae Latinae. Im Jahr 1894 überzeugten ein paar wissbegierige Latinisten die deutsche Regierung von der Notwendigkeit eines solchen Wörterbuchs. Die Initiatoren veranschlagten damals sehr optimistisch 15 Jahre für ihr Projekt. Heute, nach 123 Jahren, ist der Thesaurus erst zu etwa zwei Dritteln fertig.

Diese Zeitspanne ergibt erst Sinn, wenn man das Ziel des Vorhabens begreift. Das Schatzhaus der lateinischen Sprache will keine Übersetzungen liefern und keine einfachen Antworten. Stattdessen, so der Anspruch, sollen alle Wörter aus allen lateinischen Texten aller Autoren erklärt und ihre Bedeutungswandlung beschrieben werden. "Wir wollen über ein Wort alles sagen, was man darüber sagen kann", erklärt Flieger das Generationenprojekt.

Am Anfang stand die Sichtung des Materials. Man begann vor über hundert Jahren, handschriftlich alle bekannten lateinischen Texte auf Karteikarten zu übertragen. Absatz für Absatz kämpfte sich eine Armee von Schönschreibern durch Texte aus zwölf Jahrhunderten, von den ersten Überlieferungen um 600 v. Chr. bis zu den letzten Schriftstücken gegen 600 n. Chr. Weil die Bedeutung des Lateinischen gegen Ende des zweiten Jahrhunderts abnahm, wurden die späteren Texte auf wichtige Textstellen reduziert.

Eine Armee von Schönschreibern kämpfte sich durch die Texte aus zwölf Jahrhunderten

Medizinische Fachbücher, juristische Schriften, politische Reden und philosophische Dramen wurden ebenso kopiert wie jedes Wort, was irgendwer mal auf einen Grabstein gemeißelt oder auf eine Amphore gekritzelt hatte. "Uns geht es nicht nur um Gedichte des römischen Poeten Horaz, sondern auch um Kochrezepte oder Graffiti aus Pompeji", erklärt Flieger, seit fast 25 Jahren an dem Langzeitprojekt beteiligt und derzeit der Geschäftsführer. "Wenn da irgendwo an einer Wand stand 'Paul liebt Maria', dann haben wir das." Alle Wörter aus allen Texten von allen Autoren eben.

Als Nächstes wurde jeder Zettel so viele Male lithografisch kopiert, wie er Wörter enthielt; standen 79 auf einem Zettel, wurden 79 Kopien angefertigt und jeweils eine Kopie einem Wort gewidmet. Schließlich sortierte man die Zettel nach Stichwörtern gegliedert in Kästen ein. Schreiben, schrieb, geschrieben - alle Zettel damit landeten im gleichen Karton. Wissenschaftler sagen, die Zettel wurden lemmatisiert.

"Der Vorteil dieser Datenbank ist, dass jeder sie nach zwei Minuten Einarbeitungszeit benutzen kann", sagt Flieger. "Zeigen Sie mir mal eine elektronische Datenbank, von der man das behaupten kann." Der große Nachteil dieser Zettelkästen ist jedoch, dass keine Maschine sie automatisch durchsuchen kann. Alles ist Handarbeit.

Mitarbeiter, denen ein Wort zur Bearbeitung zugewiesen wird, klettern zuallererst auf eine hohe Aluleiter und holen sich die dazugehörigen Kästen aus dem Regal. Dann arbeiten sie sich Zettel für Zettel voran. Bei jeder Textstelle gilt es zu überlegen: Was heißt dieses Wort an dieser Stelle und welche Funktion erfüllt es? Schließlich schreiben die Autoren die Geschichte des Wortes auf, mit all seinen Bedeutungen und Konstruktionen. Einfache Wörter mit wenigen Belegstellen definieren erfahrene Mitarbeiter in einer Woche. An anderen arbeiten sie Wochen, Monate oder Jahre.

Manfred Flieger vergleicht die Definition eines Wortes mit einer Expedition in unbekanntes Terrain. "Man hat eine Vorstellung von der Bedeutung des Wortes, genauso wie man vor einer Reise an den Nordpol vermutet, dass es dort kalt ist. Aber dann geht man los und begegnet jeden Tag neuen Autoren und kuriosen Texten." Nicht immer ist die Reise angenehm.

"Ponere war bisher mein schlimmstes Wort", erzählt Generalredaktor Michael Hillen, der seit 1988 dabei ist und derzeit das Unterfangen wissenschaftlich leitet. Ponere bedeutet auf Deutsch etwa setzen, stellen, legen. "In diese undefinierbare Masse eine nachvollziehbare Ordnung reinzukriegen, dabei habe ich mich am Ende nur noch im Kreis gedreht." Manchmal wachte er morgens auf und dachte sich: "Ponere. Was mache ich nur damit? Wie bekomme ich das unter ein Dach?"

Wie nahezu alle Mitarbeiter hat Hillen Latein und Griechisch studiert und außerdem in Latein promoviert. Was man außerdem noch braucht, wenn man beim Thesaurus anheuern will? "Gutes Sitzfleisch!" Außerdem viel Geduld und ein überdurchschnittliches Maß an Frustrationstoleranz. So hat es Hillen irgendwann doch geschafft, den Artikel über ponere abzuschließen. Im Jahr 2010 wurde er in der Gesamtausgabe zum Buchstaben P veröffentlicht. Doch im Vergleich zu anderen Worten ist ponere geradezu harmlos.

Neque zum Beispiel, auf Deutsch: aber nicht, auch nicht, und nicht - 24 000 Zettel. Dazu noch schwer zu fassen und zu definieren. "Dafür hat sich sogar ein Kollege freiwillig gemeldet", verkündet Hillen und scheint dabei selbst ein wenig verwundert. Oder non, auf Deutsch nicht, 44 000 Zettel. Ja, da könne man in eine psychische Krise kommen, räumt Hillen ein. Er tue aber alles dafür, dass das weder ihm noch seinen Mitarbeitern passiere.

Weil N viele solche unscheinbaren, aber komplizierten Verneinungen hat, beschloss Flieger vor Jahren, bei N zu pausieren und zunächst O und P zu bearbeiten. Bei diesen Buchstaben ging es vergleichsweise flott voran. Das war wichtig, weil die Wissenschaftler des Thesaurus Linguae Latinae wie alle anderen Forscher auch unter Publikationsdruck stehen. Wenn sie nichts veröffentlichen, gilt ihre Arbeit als wertlos. Und alle fünf bis sechs Jahre wird das Projekt evaluiert und auf Effizienz geprüft.

Finanziert wird das Vorhaben zu einem Großteil aus deutschen Steuergeldern. Zudem überweisen Gelehrtengesellschaften aus 22 Ländern jährlich Geld und schicken Stipendiaten für die Buchstabenarbeit. "So mancher Lateinprofessor an einer amerikanischen Elite-Uni hat mal bei uns mitgearbeitet", sagt Manfred Flieger.

2050 soll das Projekt abgeschlossen sein, dieses Mal wirklich. Flieger hält dieses Datum für realistisch. Ja, die Initiatoren des Projektes hätten sich damals etwas verschätzt, als sie dachten, der Thesaurus sei in nur anderthalb Jahrzehnten zu bewältigen. Aber viel mehr erstaunt Flieger, dass dieses Projekt den Weltkriegen und Wirtschaftskrisen des 20. Jahrhunderts getrotzt und bis heute Bestand hat.

Einige Hundert Wissenschaftler nutzen den Thesaurus. Rechtfertigt das den Aufwand?

Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter musste im Ersten Weltkrieg an die Front. Die anschließende Wirtschaftskrise brachte die Finanzierung ins Wanken. Im Zweiten Weltkrieg drohten Bomben das Zettelarchiv in München zu vernichten, von dem es damals noch keine Kopie gab. Hektisch transportierte man die Kästen in die Benediktinerabtei Scheyern bei Pfaffenhofen. Inzwischen wurden die Zettel auf Mikrofilm kopiert.

"Deutschland hatte oft wahrlich andere Probleme, als sich um ein Lateinwörterbuch zu kümmern", sagt Flieger. Umso dankbarer ist er, dass es trotzdem irgendwie weiterging. Heute nutzen einige Hundert Wissenschaftler auf der ganzen Welt den Thesaurus für ihre Arbeit. Aber ist das genug? Reicht das als Rechtfertigung für den immensen Aufwand? "Man muss es ja nur einmal machen", sagt Flieger, "und dann hat man es." Das umfassendste Latein-Wörterbuch aller Zeiten.