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Sexualität: "Der Lohn der Sünde ist nun vernachlässigbar"

Ökonom Francis sieht hier Parallelen zur gegenwärtigen Aids-Epidemie. Auch hier zeigen neuere Studien, dass der klinische Einsatz der neuen und wirksamen Hochaktiven Antiretroviralen Therapien (HAART) wieder zu einem riskanteren Sexualverhalten vor allem unter Männern geführt hat, weil eine HIV-Infektion jetzt behandelbar erscheint. Hier zeige sich wieder die Gültigkeit der Ökonomie, schreibt Francis: "Beide Beispiele bestätigen die Grundannahme, dass das Verhalten die Kosten einer Krankheit beeinflusst, und dass die Kosten einer Krankheit wiederum das Verhalten beeinflussen."

Es ist eine Einsicht, die - so berichtet Francis - interessanterweise die Vertreter der Kirche mit ihrem ganz speziellen Interesse am Sex zuerst formulierten. Er zitiert den bekannten spanischen und katholischen Arzt Eduardo Martinez Alonso, der über die Erfindung des Penicillins wie folgt schimpfte: "Der Lohn der Sünde ist nun vernachlässigbar. Man kann nun ohne Strafe sündigen, weil der Dorn der Sünde entfernt wurde." Eigentlich eine gute verhaltensökonomische Einsicht.

Auch wenn Francis die Bedeutung anderer, weicher Faktoren für die Sexuelle Revolution nicht bestreiten möchte, glaubt er doch, dass man in Zukunft zumindest die 1950er-Jahre neu wird einordnen müssen, sie seien eben nicht nur prüde und konservativ gewesen. "So mögen viele Erwachsene mittleren Alters gewesen sein, nicht aber notwendigerweise die jungen Erwachsenen."

Die neue Studie ist zudem ein weiterer Hinweis darauf, dass es bei der Geschichte der Sexualität nicht genügt, nur Texte und Medien der jeweiligen Zeit zu betrachten, manchmal sind Statistiken aufschlussreicher.

So argumentierte vor Kurzem auch der Historiker Faramerz Dabhoiwala von der University of Oxford in einem Interview in dieser Zeitung. Er verwies darauf, dass sich bereits um 1800 eine Art sexueller Revolution ereignet haben muss. Nur so sei es zu erklären, dass damals plötzlich 25 Prozent der Kinder außerehelich geboren wurden; noch 1650 habe die Quote nur ein Prozent betragen. "Das zeigt, dass die Menschen auf einmal keine Angst mehr haben mussten", sagt Dabhoiwala.

© SZ vom 30.01.2013/mcs/rus
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