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Sexualforschung:Wie die Lust gemessen wird

Dort wurde ein sogenannter Plethysmograph mit den Genitalien der Versuchspersonen verbunden. Bei den Männern ist das eine Manschette, die über den Penis gestülpt wird, bei den Frauen eine Art Tampon, den man in die Vagina einführt und der die Durchblutung und Befeuchtung der Scheidenwände misst.

Die Teilnehmer mussten gleichzeitig per Tastendruck die Stärke ihrer sexuellen Erregung subjektiv bewerten. Dann führte ihnen Chivers Bilder und Porno-Filme vor: heterosexuelle Paarungen, schwuler und lesbischer Sex, Masturbation, nackte Menschen beim Yoga, schöne Landschaften und eben, die kopulierenden Bonobos.

Wie sich herausstellte, war das Erregungsmuster bei Männern relativ einfach: Heterosexuelle Männer erregten sich an Frauen, homosexuelle Männer an Männern. Die subjektive Einschätzung ihrer sexuellen Erregung per Tastendruck stimmte ziemlich genau mit der physischen oder objektiven Erregung im Penis überein.

Bei den Frauen dagegen war es viel komplizierter. Ob lesbisch oder heterosexuell, die weiblichen Versuchspersonen reagierten physisch auf alle möglichen Sex-Aktivitäten: Männer mit Männern, Frauen mit Frauen, Männer mit Frauen und Bonobo mit Bonobo. War es also nicht so sehr das Geschlecht wie bei den männlichen Versuchspersonen, sondern die sexuelle Aktivität an sich, die Frauen reagieren ließ? Im Gehirn löste der Bonobo-Porno allerdings überhaupt kein sexuelles Begehren aus: Die Frauen gaben per Tastendruck an, dass sie der Affenfilm nicht antörnte.

Es gab eine klare Spaltung von Gehirn und Vagina bei Frauen, wie Chivers Messungen ergaben. Das erklärt auch, warum Viagra bei Frauen nicht wirkt. Da kann die Vagina noch so durchblutet werden, im Gehirn, dem wichtigsten Sexualorgan, bewirkt es keine Erregung. Warum diese Spaltung zwischen physischer Erregungsreaktion einerseits und weiblichem Begehren andrerseits? "Das muss ich noch analysieren", sagt Meredith Chivers, und aus ihrer Stimme klingt die Lust an der Herausforderung.

Offene Fragen haben sie schon als Fünfjährige angespornt, als sie ihre Eltern bei einem Kuss beobachtete. Es war vor allem der technische Aspekt, der sie als Kind beschäftigte, erinnert sich Chivers: "Warum tun sie es durch die Berührung der Lippen? Warum nicht, in dem sie zum Beispiel Ellbogen aneinanderreiben?"

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