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Serie: Bio bizarr (3):Mehr als nur Ohren

Das Leben in der Wüste stellt auch für Tiere eine besondere Herausforderung dar. Und dabei geht es nicht nur um den Mangel an Wasser.

Markus C. Schulte von Drach

Sand, soweit das Auge reicht. Hier, in der Mitte der Sahara, rechnet man kaum mit Leben zwischen den Dünen. Und doch taucht es auf - zum Beispiel in Form zweier riesiger Ohren, die in einem Tunneleingang erscheinen. Ohren, von denen man glauben könnte, sie gehören einem Hasen oder gar einem Esel, der in eine Grube gefallen ist.

Diese Ohren!

(Foto: Foto: istock)

Zehn bis fünfzehn Zentimeter lang sind diese Löffel. Dabei ist der Kopf, der ihnen aus der Röhre folgt, selbst kaum länger. Und das ganze Tier kommt auf eine Kopfrumpflänge von vielleicht 40 Zentimetern. Dazu noch der rund 20 Zentimeter messende Schwanz, und der ganze Fennek, auch Wüstenfuchs genannt, ist aus seinem Bau heraus.

Die Tiere leben nicht nur in der Sahara, im nördlichen Nigeria und im Tschad. Auch auf der Arabischen Halbinsel sind sie zu Hause. Aber eines haben ihre Verbreitungsgebiete gemeinsam. Der Fennek (Vulpes zerda) ist an trockene Sandgebiete angepasst - also gerade an Regionen, in denen kein Mensch leben möchte.

Anpassungen an das Wüstenklima gibt es viele. Die bekannteste ist sicher die Fähigkeit der Kamele, Wasser im Magen und Fett im Höcker zu speichern, um Trockenperioden zu überstehen.

Auch haben viele Tiere eine hocheffektive Niere entwickelt, über die kaum Wasser ausgeschieden wird. Darüber hinaus gelingt es Arten wie der Wüstenspringmaus und auch dem Fennek, ihren Wasserbedarf (fast) ausschließlich über ihre Beute, also Pflanzen und andere Tiere, zu decken.

Eine außergewöhnliche Technik wendet ein Schwarzkäfer in der Wüste Namib, in der so gut wie kein Regen fällt, an. Der Nebeltrinker-Käfer (Onymacris unguicularis) streckt am Morgen sein Hinterteil in den feuchten Wind, der vom Atlantik weht, und fängt mit winzigen Pickeln auf seinen Flügeldeckeln Tau auf. Es bilden sich Tropfen, die schließlich über Rillen den Rücken hinunterlaufen bis zum Kopf des Insekts.

Eine Wüstenspezialausstattung

Wozu aber hat nun der kleine Fennek diese riesigen Ohren? Natürlich auch zum Hören. Die Tiere jagen in der Nacht Mäuse, Eidechsen und Insekten, die sie mit dem Gehör lokalisieren.

Aber dazu müsste der Kopfschmuck nicht so riesig sein. Die Anhängsel gehören vielmehr zur Wüstenspezialausstattung der Tiere. Über die große Oberfläche der Ohren strahlen sie Wärme ab. Das Prinzip ähnelt dem eines Kühlergrills am Auto.

Notwendig wird die Methode, weil der Fennek wie andere Hunde nicht schwitzt. Zwar kühlt er seinen Körper wie die anderen Vertreter der Familie der Hunde auch durch Hecheln. Doch in der großen Wüstenhitze werden zusätzlich die Ohren zur Wärmeregulierung eingesetzt.

Der Fennek ist ein besonders schönes Beispiel für eine biologische Regel. Bereits 1877 hatte der US-Zoologe Joel Asaph Allen beobachtet, dass Tiere, die ihre Körpertemperatur aufrechterhalten - sogenannte gleichwarme Tiere -, in verschiedenen Klimazonen unterschiedlich lange Körperanhänge (also zum Beispiel die Ohren) und Extremitäten besitzen. Herrscht Kälte vor - also in den Polregionen - sind diese im Verhältnis zur Körpergröße kurz, in warmen Regionen lang.

Das klassische Beispiel dafür sind Füchse: Der Polarfuchs, der im hohen Norden Europas, Amerikas und Russlands lebt, ist im Vergleich zum mitteleuropäischen Rotfuchs relativ kompakt und seine Ohren sind etwas kleiner. Der Fennek dagegen ist schlank und hat größere Ohren.

Auch Eisbären bestätigen die Allen'sche Regel. So haben sie kleinere Ohren sowie kürzere Extremitäten und Ohren als etwa Braunbären.

Die Erklärung ist einfach: Je weniger Oberfläche ein Körper hat, desto weniger Wärme strahlt er ab. In kalter Umgebung muss ein Tier Energie aufwenden, um die Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Eine reduzierte Körperfläche verringert demnach den notwendigen Aufwand. Droht dagegen in der Wüste die Überhitzung, ist es ein Vorteil, möglichst wenig Volumen in möglichst viel Hülle zu stecken.

Auf die Körpergröße der Tiere insgesamt angewandt führt dieses Prinzip übrigens zur sogenannten Bergmann'schen Regel. 1847 hatte der deutsche Physiologe Carl Bergmann beobachtet, dass Artgenossen oder Vertreter verwandter Tierarten in verschiedenen Klimazonen unterschiedlich groß sind. Je kälter, desto größer. Innerhalb einer Art lässt sich das zum Beispiel bei Braunbären beobachten. Und dahinter steckt einfach das Prinzip, dass die Oberfläche eines Körpers im Verhältnis zum Volumen langsamer zunimmt.

Aus diesem Grund findet man zum Beispiel in kalten Zonen keine kleinen Säugetiere. Diese würden zu schnell auskühlen. Insbesondere die Bergmann'sche Regel ist allerdings wirklich nur eine "Regel", von der es viele Ausnahmen gibt.

So besitzen Elefanten zwar große Ohren, über die sie Wärme abgeben. Andererseits leben diese größten Landsäugetiere der Erde in warmen Regionen. Die Körpergröße hängt eben nicht nur von der Temperatur ab, sondern auch von vielen weiteren Faktoren wie dem Nahrungsangebot oder der Konkurrenz um Sexualpartner, die zum Beispiel dazu führen kann, dass sich immer größere und stärkere Männchen entwickeln.

© sueddeutsche.de/gf/cat
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