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Serie: Bio bizarr (16):Der Zahnstocher

Lange Zeit war unklar, welchem Zweck die Hörner des Narwals dienen. Inzwischen geht man davon aus, dass die Stoßzähne eine Art Sensor sind.

Markus C. Schulte von Drach

Zu den auffälligsten Tieren des Meeres gehören die Narwale. Allerdings war den meisten Menschen im Mittelalter nicht klar, dass jene Hörner, die damals in Gold aufgewogen wurden, nicht von den sagenhaften Einhörner stammten, sondern von einem Wal. Erst im 16. Jahrhundert setzte sich die Erkenntnis durch, dass die berühmten Hörner vom Kopf des Narwals (Monodon monoceros) stammten.

Den Stoßzahn entwickeln fast ausschließlich männliche Tiere.

(Foto: Foto: National Institute of Standards and Technology)

Diese Zahnwale können bis zu sechs Metern lang werden (ohne Horn), die Stoßzähne, die fast nur die Männchen entwickeln, erreichen eine Länge von bis zu 2,70 Metern. Doch so eindrucksvoll diese Strukturen sind, war die Funktion des langen linken Schneidezahns - manchmal wachsen auch beide Schneidezähne zu Stoßzähnen aus - lange Zeit unklar.

Vorschläge gab es eine ganze Reihe: So vermutete man, die Tiere, die mit dem Weißwal (Beluga) verwandt sind, würden mit dem linksspiralig gewundenen Zahn die Eisdecke durchbohren, um Atemlöcher zu schaffen. Eine andere Idee war, dass diese "Einhörner des Meeres" ein Hilfsmittel für die Nahrungssuche sein könnten. So stellte man sich vor, die Wale würden damit Fische aufspießen oder den Meeresboden durchwühlen. Allerdings entwickeln fast nur männliche Tiere den Stoßzahn.

Besonders beliebt war deshalb die Vorstellung, die Männchen würden das Horn, das eigentlich keines ist, als Waffe gegen Rivalen einsetzen. Und tatsächlich nutzen sie es offenbar, um auszufechten, wer der Chef ist.

Allerdings handelt es sich dabei weniger um ein aggressives Kräftemessen mit Hilfe. Vielmehr testen sie vis-à-vis über eine Art Hornreiben aus, wer den längeren Spieß hat, wobei das unterlegene Tier sich Verletzungen zuziehen kann.

Die Länge des Stoßzahns - denn um einen solchen handelt es sich - steht demnach offenbar im Zusammenhang mit dem sozialen Rang der Männchen.

Darüber hinaus wurde diskutiert, ob es sich um einen Teil des Sonarsystems der Tiere handelt. Zahnwale, zu denen der Narwal gehört, verwenden eine Art Echo-Ortung, mit der sie ihre Beutetiere aufgespüren. Außerdem setzen sie Töne im Ultraschallbereich ein, um sich zu verständigen.

Vor einigen Jahren aber haben Wissenschaftler der Harvard University, der Smithsonian Institution und dem Paffenbarger Research Center am National Institute of Standards and Technology in den USA festgestellt, dass der Zahn mit Millionen winziger Nervenverbindungen ausgestattet ist, die den zentralen Nerv mit der Oberfläche verbinden. Trotz der harten Oberfläche handelt es sich offenbar um einen Sensor.

Aufgrund gezielter Experimente wissen die Fachleute inzwischen auch, wofür: Die Tiere registrieren damit Veränderungen in der Wassertemperatur, dem Wasserdruck, der Strömung und der Konzentration chemischer Substanzen.

Ein solcher Sensor könnte den Walen helfen, zum Beispiel den Salzgehalt des Wassers zu messen und sich daran zu orientieren. Auch ist es denkbar, dass sie sich mit seiner Hilfe auf die "chemische Spur" ihrer Beutefische setzen. Die Experten vermuten sogar, dass die Wale sich über Berührungen mit den Stoßzähnen gegenseitig identifizieren. "Es gibt keinen anderen Zahn wie diesen", staunte Martin Nweeia von der Harvard School of Dental Medicine in Boston, "nicht mal einen, der auch nur entfernt ähnlich ist."

Wieso sich ausgerechnet ein Zahn zu einem solchen Sensor entwickelt hat, wissen die Fachleute nicht. Möglicherweis, so könnte man spekulieren, entwickelte sich die Struktur anfänglich als Merkmal im Rahmen der sexuellen Evolution. Tatsächlich haben heute offenbar jene Narwal-Männchen den größten Erfolg, die einen besonders großen Zahn besitzen.

Ähnliche Prozesse stecken vermutlich hinter Phänomenen wie den langen, unpraktischen Schwanzfedern beim Pfau oder bei Paradiesvögeln. Auch für die Fangzähne des ausgestorbenen Säbelzahntigers wird dies diskutiert. Einmal entstanden, könnte das lange "Horn" sich dann zu einem hydrodynamischen Sensor weiterentwickelt haben. Offen bleibt dann natürlich die Frage, warum dieser Sensor manchmal auch bei weiblichen "Einhörnern der Meere" auftritt.

© sueddeutsche.de/cat
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