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Serie: Bio bizarr (15):Der Staat der nackten Säuger

Nacktmulle sind auffällig hässlich. Doch wirklich spektakulär sind die Tiere aufgrund anderer Eigenschaften.

Markus C. Schulte von Drach

Ganz ehrlich, dieses Tier ist nicht schön. Schon der britische Evolutionsbiologe Alfred R. Wallace bezeichnete die kleinen Nager als "außergewöhnlich hässliche Art". Als der deutsche Forscher Eduard Rüppell die Tiere nach einer Reise durch Äthiopien 1842 das erste Mal beschrieb, nannte er sie fast schon euphemistisch Heterocephalus, also "Andersköpfige".

Nacktmulle sind die einzigen eusozialen Säugetiere.

(Foto: Foto: dpa)

Das Aussehen allein würde das Auftreten des Nacktmulls in unserer Serie "Bio bizarr" jedoch nicht rechtfertigen, selbst wenn das kuriose Äußere der Tiere dazu geführt hat, dass viele von Rüppells Forscherkollegen ursprünglich nicht einmal glauben wollten, dass es sich um eine eigene Art handelte. Sie hielten die Nacktmulle für unbehaarte Jungtiere größerer Nagerarten.

Eine gewisse Ähnlichkeit zu neugeborenen Nagetieren ist auch unbestreitbar. Die auch als Molratten bezeichneten, bis fünfzehn Zentimeter langen und 50 Gramm schweren Säugetiere besitzen eine braun-rosafarbene, faltige Haut mit Sinneshaaren und einer sonst fast unsichtbaren Körperbehaarung. Ihre Augen und Ohren sind winzig. Die Tier besitzen jedoch darüber hinaus eine ganze Reihe von Eigenschaften, die für Säugetiere äußerst ungewöhnlich sind.

Das herausragendste Merkmal des Nacktmulls beschrieb 1980 erstmals die Biologin Jennifer Jarvis von der Universität Kapstadt in Südafrika. Die Nagetiere stellen die einzige "eusoziale" Säugetierart dar.

Als eusozial bezeichnet man Tierarten, die eine Art Staat mit eindeutiger Aufgabenverteilung bilden. Die bekanntesten Beispiele sind Ameisen- oder Bienenstaaten. Auch bei Wespen und Termiten wird die für solche Organisationsformen typische Verteilung von Fortpflanzung, Nahrungsorganisation oder Verteidigung beobachtet.

Im Nacktmull-Staat gibt es ein, manchmal zwei Weibchen - die Königinnen -, die sich von zwei oder drei Männchen begatten lassen und etwa 60 Jungtiere pro Jahr zur Welt bringen.

Alle übrigen Tiere - es sind bis zu 300, die im unterirdischen Gangsystem einer Kolonie zusammenleben - verrichten spezielle Aufgaben: Junge Nacktmulle helfen bei der Brutpflege, später kümmern sie sich um den Ausbau der Gänge. Große, ältere Tiere bewachen die Zugänge zur Kolonie und verteidigen sie gegen Eindringlinge wie fremde Artgenossen oder Räuber, etwa Schlangen. Auch schaffen sie die Erde, die bei den Bauarbeiten anfällt, an die Oberfläche.

Wie sich diese Organisation entwickelt hat und wie sie aufrechterhalten wird, ist nicht ganz klar. Möglicherweise waren die Ahnen der Nacktmulle ursprünglich monogam. Aufgrund von Faktoren wie begrenzter Lebensräume blieb der Nachwuchs bei den Eltern und half bei der Brutpflege, weil sie auf diese Weise dazu beitrugen, wenigstens einen Teil ihrer Gene in die nächste Generation zu bringen - jenen Teil des Erbguts, den ihre Geschwister und sie gemeinsam hatten.

Heute setzen die aggressiven Königinnen ihre weiblichen Untertanen offenbar so unter Stress, dass diese unfruchtbar bleiben. Erst wenn die Tyrannin stirbt, brechen unter den erwachsenen Weibchen blutige Kämpfe um die Thronfolge aus, die mit Hilfe der Schneidezähne ausgefochten werden. Bis zum Tode aber bringt die Herrscherin pro Wurf bis zu 28 Junge zur Welt, die in Schichten abwechselnd an ihren zwölf Zitzen saugen.

Die frühen Evolutionsbiologen hatten noch Probleme, das auf den ersten Blick uneigennützige (altruistische) Verhalten der staatenbildenden Insekten zu erklären. Heute lässt sich gerade an ihrem und am Beispiel des Nacktmulls zeigen, dass Selbstlosigkeit offenbar dem Bestreben entspringt, die eigenen Gene möglichst effektiv in die nächsten Generationen einzubringen - und sei es indirekt über die Verwandtschaft.

Wechselwarm und schmerzunempfindlich

Doch Nacktmulle zeichnen sich durch weitere ungewöhnliche Eigenschaften aus. Der Sauerstoffgehalt in ihren Bauten ist extrem niedrig, die Kohlendioxidkonzentration dagegen extrem hoch. Trotzdem ersticken die Tiere nicht. Sie trinken nicht, sondern beziehen ihr Wasser lediglich aus den Knollen, von denen sie sich ernähren. Dabei nehmen sie erhebliche Mengen von Salz auf, was extrem effiziente Nieren notwendig macht. Was sie einmal gefressen haben, fressen sie nach dem Ausscheiden gleich ein zweites Mal, um auch bloß nichts verkommen zu lassen.

Sie sind zudem die einzigen bekannten Säugetiere, die man als wechselwarm bezeichnen kann. Das heißt, bei Nacktmullen passt sich die Körpertemperatur der Umgebungstemperatur an. Auch werden die Tiere im Vergleich zu anderen Nagetieren sehr alt. Mehr als 15 Jahre sind offenbar nicht ungewöhnlich. Und sie scheinen besonders wenig anfällig für Krebs zu sein.

Außergewöhnlich ist auch die Unempfindlichkeit gegenüber Schmerzen, wie Wissenschaftler des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch und der University of Illinois in Chicago Anfang dieses Jahres berichtet haben.

Sowohl Säure als auch Capsaicin aus Chilipfeffer auf der Haut löste bei den Tieren keine Reaktion aus, obwohl Letzteres immerhin die Schmerzsensoren in der Haut der Tiere aktivierte. Doch diese Fühler lösten bei Nacktmullen offenbar Reaktionen in anderen Hirnregionen aus als bei allen übrigen Säugetieren. Demnach, so vermuten die Forscher läuft die Schmerzinformation bei den Nacktmullen entweder ins Leere oder führt nicht zu unangenehmen Gefühlen.

Bereits zuvor hatten die Forscher entdeckt, dass den Nacktmullen zwei Botenstoffe fehlen, die für die Übermittlung des Schmerzempfindens bei anderen Tieren eine wichtige Rolle spielen. Die Wissenschaftler haben auch eine Vermutung, warum die Tiere unempfindlich gegen Schmerzen sind. So führt ein hoher Kohlendioxidgehalt zu einer Daueraktivierung der Schmerzsensoren. Jene Nacktmulle, die in den engen, stickigen Bauten nicht ständig Schmerzen verspürten, hätten demnach vermutlich einen Vorteil gegenüber Artgenossen gehabt, die sich in der kohlendioxidhaltigen Luft quälten.

Wissenschaftlern dient die Tierart nicht mehr nur als Anschauungsmaterial für extreme Anpassungen. Sie hoffen zum Beispiel auch, zu verstehen, wie Säugetiere und auch Menschen Schmerzen wahrnehmen - und wie sich diese lindern lassen.

© sueddeutsche.de/gf
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