bedeckt München
vgwortpixel

Psychologie:Ungleichheit macht geizig

Reichen Menschen haftet ein übler Ruf an: Sie gelten als egoistisch und geizig. Doch wie Wissenschaftler zeigen, schlägt Reichtum nur unter manchen Bedingungen auf die Moral.

In Gesellschaften mit einer besonders ungleichen Einkommensverteilung werden Reiche geizig. So interpretieren die Sozialwissenschaftler Stéphane Côté und Julian House von der Universität Toronto sowie Robb Willer von der Universität Stanford die Ergebnisse ihrer Studie, für die sie Daten von mehr als 2200 Probanden gesammelt haben (PNAS, online).

Die Ergebnisse zahlreicher Studien aus der Psychologie haben in den vergangenen Jahren bereits dazu beigetragen, dass reichen Leuten oft ein lausiger Ruf anhaftet. So beobachteten Wissenschaftler, dass Wohlhabende mit höherer Wahrscheinlichkeit Verkehrsregeln missachten und dabei Fußgänger gefährden. Andere Experimente deuteten daraufhin, dass Reichtum das Mitgefühl für Krebspatienten mindert und auch die Bereitschaft reduziert, Menschen in Not zu unterstützen. Geld schlägt auf die Moral - ist das so?

Fast alle Studien, die derartige Ergebnisse erzielt haben, seien in Kalifornien durchgeführt worden, betonen die Forscher um Côté. In dem US-Bundesstaat sei die soziale Ungleichheit aber besonders ausgeprägt; und ähnliche Studien aus den Niederlanden, Deutschland und Japan hätten keinen Hinweis darauf ergeben, dass Reichtum egoistisches Verhalten fördert. In diesen drei Ländern sei die soziale Ungleichheit weit geringer ausgeprägt als in Kalifornien beziehungsweise den USA, so die Autoren der aktuellen Veröffentlichung.

Anhand der Daten einer repräsentativen Befragung von knapp 1500 US-Bürgern konnten die Forscher nun verdeutlichen, dass das Ausmaß der Ungleichheit wohl der entscheidende Faktor ist. Zusätzliche Experimente mit mehr als 700 weiteren Probanden zeigten ebenfalls, dass Wohlhabende erst durch Ungleichheit zu Egoisten werden. Woran das liegen kann? Ungleichheit steigere bei Privilegierten das Gefühl, selbst bedeutend und ein ganz besonderer Mensch zu sein, so Côté. Und das verstärke den Eindruck, dass alle haben, was ihnen zusteht, egal wie viel oder wenig das ist.

© SZ vom 25.11.2015
Zur SZ-Startseite