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Psychologie:Rosa Brille oder Trotz

Auf Vorschriften reagieren wir entweder bockig - oder wir färben sie uns schön. Doch warum wird die eine Einschränkung akzeptiert, die andere aber abgelehnt? Wissenschaftler haben auf diese Frage nun eine Antwort gefunden - und sehen sich durch den Arabischen Frühling bestätigt.

Sebastian Herrmann

Das Repertoire menschlicher Verhaltensweisen beinhaltet zwei Möglichkeiten, auf ein Verbot zu reagieren. Entweder wird eine Einschränkung akzeptiert und schöngefärbt. Oder die neue Vorschrift wird abgelehnt und mit Bockigkeit quittiert. Die Sozialpsychologie diskutiert diese zwei gegensätzlichen Möglichkeiten seit Jahrzehnten. Für beide Varianten existieren zahlreiche experimentelle Belege.

Nun schälen Psychologen um Kristin Laurin von der Universität Waterloo und Aaron Kay von der Duke University den Faktor heraus, der darüber entscheidet, in welche Richtung das Pendel schlägt (Psychological Science, online):

Erscheint ein Verbot wie in Stein gemeißelt und unumstößlich, dann setzt sich bei Menschen eher ein Prozess der Rechtfertigung in Gang. Rationalisierung heißt das in der Fachliteratur.

Besteht hingegen wenigstens eine geringe Aussicht, dass eine Einschränkung revidiert werden könnte, wird der Mensch bockig. Er zeigt Reaktanz, wie Psychologen dieses Verhalten nennen.

Laurin und Kay wählten die Diskussion um Tempolimits, um ihre Hypothese zu überprüfen. Ihre Probanden beurteilten, was sie von verschärften Tempolimits in Innenstädten hielten.

Einer Gruppe teilten die Wissenschaftler mit, dass die Entscheidung bereits gefallen sei: Die erlaubten Höchstgeschwindigkeiten würden auf jeden Fall reduziert. Der anderen Gruppe sagten sie, dass die neuen Vorschriften umgesetzt würden, sobald sie im Stadtparlament eine Mehrheit fänden - was allerdings höchstwahrscheinlich sei. Bestand diese theoretische Möglichkeit, dass ein verschärftes Tempolimit noch scheitern könnte, reagierten die Probanden eher mit Ablehnung. Die andere Gruppe fand hingegen Gründe dafür, das Tempolimit zu befürworten.

In einer zweiten Studie zeigten die beiden Sozialpsychologen, dass dieser Effekt vor allem dann auftritt, wenn die Maßnahmen einen selbst betreffen: Wer nicht Auto fährt, dem sind Tempolimits eben eher egal.

Die ganze Situation ist natürlich etwas komplexer als unsere beiden Studien", schreiben die Autoren. Verbote und Einschränkungen könnten in der Realität zu plötzlich eingeführt werden oder so ungeheuerlich sein, dass sie trotz vermeintlicher Ausweglosigkeit von den meisten Menschen strikt abgelehnt würden. Zudem sei unsicher, was einzelne Menschen jeweils als unausweichlich wahrnehmen.

Laurin und Kay beziehen ihre Ergebnisse dennoch auf große Ereignisse: Der von ihnen beschriebene Mechanismus habe die Aufstände des Arabischen Frühlings mitangetrieben. Solange ein Regime als sattelfest und dauerhaft erlebt werde, rechtfertigten deren Bürger dieses eher als legitim und wünschenswert.

Doch sobald - wie in Tunesien - die erste Revolution erfolgreich war, springe der Funken auf andere Staaten über. Dann "zeigen Bürger Reaktanz und erleben eher die Wut und die Unzufriedenheit, die nötig sind, um eine Revolution anzuzetteln", schreiben die Sozialpsychologen.

© SZ vom 17.01.2012/mcs

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