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Psychologie:Falsche Vorstellung einer guten Lüge

Studien belegen, dass Menschen eine klare, aber falsche Vorstellung davon haben, wie eine gute Lügengeschichte aussehen sollte. Niehaus forderte 120 Probandinnen auf, in einer fiktiven Untersuchung wahrheitswidrig zu behaupten, Opfer einer Vergewaltigung geworden zu sein.

KLAUS JÜRGEN UNKELBACH

Klaus Jürgen Unkelbach (Mitte), einer der Hauptangeklagten im Wormser Kindesmissbrauchsprozess, verlässt 1997 als freier Mann das Gericht in Mainz.

(Foto: dpa)

"Stellen Sie sich vor", so die Instruktion, "Ihre beste Freundin ist von einem gemeinsamen Nachbarn vergewaltigt worden, möchte aber keine Anzeige erstatten. Aus Angst, selbst Opfer des Nachbarn zu werden, zeigen Sie den Täter an und behaupten, Sie seien Opfer der Vergewaltigung gewesen. Worauf würden Sie bei Ihrer Aussage achten?"

Es zeigte sich, dass die Frauen eine strukturierte und chronologische Schilderung bevorzugten. Sie vermieden Selbstbezichtigungen und präsentierten sich moralisch makellos. Forscher hingegen wissen, dass wahre Schilderungen inhaltlich eher sprunghaft und ungeordnet sind. Glaubwürdige Opferaussagen beinhalteten häufig Selbstvorwürfe. Was Laien für eine gute Lüge halten, ist eigentlich eine schlechte.

Dieser Einsicht folgend haben forensische Psychologen Kriterien erarbeitet, mit denen Glaubwürdigkeit überprüft werden kann. Berichtet jemand - so ein Lehrbuchbeispiel - in seiner Aussage von Komplikationen oder überraschenden Vorkommnissen, dann ist das ein starker Hinweis auf die Echtheit des Erlebten. Ein Jugendlicher etwa gibt zu Protokoll, dass er in der Toilettenkabine von einem Lehrer sexuell bedrängt worden sei und zu flüchten versucht habe. Er sei auf den Spülkasten der Toilette gesprungen, der aber dabei abgebrochen sei, so dass Wasser ausgelaufen sei.

Bei einem zweiten Fluchtversuch habe er versucht, die Wand der Toilettenkabine emporzuklettern. Da seine Schuhe durch das Wasser nass geworden seien, hätte er jedoch keinen Halt gefunden. In dieser Schilderung ist das Merkmal "Komplikation" eingelöst. Besonders überzeugend sei die Verkettung der beiden Komplikationen abbrechender Spülkasten und nasse Schuhe. Im Regelfall liegt es außerhalb der Kreativität von Lügnern, sich solche Geschichten im Detail zu überlegen.

Als weiteres Glaubwürdigkeitsmerkmal gilt, dass der Aussagende Ereignisse gedanklich verknüpft, die nichts miteinander zu tun haben. Das passiert zwar selten, doch wenn es auftritt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das berichtete Geschehen tatsächlich erlebt wurde. So gibt beispielsweise ein Junge an, vom Pfarrer über Jahre sexuell missbraucht worden zu sein. Als er sich eines Tages dagegen wehren wollte, habe der Pfarrer ihm gesagt: "Wenn du nicht mitmachst, dann wird Gott deine Familie bestrafen."

Alles ergibt einen Sinn, nichts gibt Rätsel auf

In den Monaten nach dem Vorfall sei sein Großvater an Krebs erkrankt, berichtet der Junge. Er glaubt, dafür verantwortlich zu sein. Um weiteres Unheil von seiner Familie abzuwenden, habe er sich deshalb "freiwillig" mit dem Pfarrer getroffen. Solche falschen Kausalitäten wie zwischen Missbrauch und Krebserkrankung finden sich üblicherweise nicht in Schilderungen von Lügnern.

Wer eine Lügengeschichte präsentiert, überlegt sich zudem meistens einen Plot und liefert die Interpretation gleich mit: Alles ergibt einen Sinn, nichts stellt den Zuhörer vor Rätsel. Anders verhält es sich bei realitätsbezogenen Aussagen, gerade von sehr jungen Opfern sexueller Übergriffe, sagt Niehaus: "Einzelne Verhaltensweisen des Täters werden zwar aus kindlicher Sicht genau beschrieben, gleichzeitig wird aber deutlich, dass deren Bedeutung überhaupt nicht verstanden wurde."

Auf diese Weise nach Glaubwürdigkeitsmerkmalen zu fahnden gilt mittlerweile als empirisch gesicherte Methode der Gerichtspsychologie. Finden sich diese in den Berichten, handelt es sich vermutlich nicht um gezielte Falschaussagen. "Der Umkehrschluss ist aber nicht möglich", warnt Niehaus. "Nur weil sich in einer Schilderung wenige Hinweise auf Glaubhaftigkeit finden, muss die aussagende Person noch lange kein Lügner sein."

Schildert beispielsweise eine Opferzeugin die Ereignisse strukturiert, logisch und mit klarer Interpretation, kann sie dennoch die Wahrheit sagen. Denkbar ist etwa, dass sie bereits mehrmals vernommen wurde und ein Polizist mit Nachfragen ordnend in den Erzählfluss eingegriffen hat:

"Schon lässt sich das Merkmal chronologisch versus ungeordnet nicht mehr anwenden", warnt Niehaus. Dieses Beispiel ist nur eines von vielen, das die Schwächen der Methode zeigt. So gut erforscht sie auch sein mag, ein einfacher Wahrheitstest ist auch sie nicht.