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Psychologie:Lügen ist Schwerstarbeit fürs Gehirn

Kann man dem Zeugen trauen? Gerichtspsychologen haben objektive Kriterien entwickelt, um die Glaubwürdigkeit von Aussagen zu beurteilen. Da wird das Lügen immer schwieriger.

Die Wormser Strafprozesse dauerten von 1993 bis 1997 und galten als die bis dahin größten Missbrauchsprozesse in der Geschichte der Republik. 25 Personen waren angeklagt, insgesamt 16 eigene und fremde Kinder systematisch missbraucht zu haben.

Verhör

Wer lügt, möchte sich durch und durch integer präsentieren.

(Foto: ddp)

Medizinische Befunde und Aussagen der Kinder schienen die Anklage zu bestätigen. Dass das Landgericht Mainz im Juni 1997 alle Angeklagten freisprach, lag nicht zuletzt an dem Rechtspsychologen Max Steller, der eine von ihm mitentwickelte Glaubwürdigkeitsanalyse anwendete - die "kriteriumsorientierte Inhaltsanalyse".

Sie ist heute eines der effizientesten Instrumente, das Gutachtern zur Verfügung steht, wenn es um den typischen Fall geht: Frau beschuldigt Mann, sie zum Sex gezwungen zu haben. Mann gesteht den sexuellen Kontakt, behauptet aber, alles sei einvernehmlich erfolgt. Jährlich verhandeln deutsche Gerichte Tausende solcher Straftaten, in denen es um Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung geht.

"Bei diesen Delikten steht häufig Aussage gegen Aussage", sagt die forensische Psychologin Susanna Niehaus von der Hochschule Luzern. Da es außer den Tatbeteiligten häufig keine weiteren Zeugen gibt und es zudem an objektiven Beweisen mangelt, greifen Gerichte auf psychologische Gutachter zurück und fragen: Stimmen die Aussagen mit der Realität überein?

Psychologische Gutachter befragen in solchen Fällen stets die angeblichen Opfer, nur selten die beschuldigten Täter. Der Grund: Menschen unter Tatverdacht beschränken sich zumeist darauf zu leugnen, oder sie sagen gar nichts. Bei den Geschädigten kommen Psychologen schneller weiter. "Vorausgesetzt natürlich, die Opferzeuginnen wollen mit uns reden", sagt Niehaus.

Die "kriteriumsorientierte Inhaltsanalyse" basiert auf zwei Annahmen. Erstens: Wer über tatsächlich Erlebtes berichtet, schildert detailreicher und lebendiger, aber unstrukturierter. Er gibt Dialoge wieder, berichtet über Interaktionen mit seinem Gegenüber und darüber, was in seinem Innern passiert ist. Wer hingegen etwas erzählt, was nicht stattgefunden hat, der redet wie der Blinde von der Farbe.

Zweitens: Wer lügt, ist hochmotiviert, sich als integer zu präsentieren. Anders der Wahraussagende: Er steht nicht so sehr unter dem Druck, sich als untadelig darstellen zu müssen - und kann sich ganz auf die Schilderung des Erlebten konzentrieren.

Die kognitive Belastung ist groß

Nach Auffassung der forensischen Psychologin Renate Volbert von der Charité in Berlin ist Lügen kognitive Schwerstarbeit, schließlich muss der Lügner seine Story plausibel darlegen, auf spontane Nachfragen von Polizisten schlagfertig reagieren, sich selbst seine eigenen falschen Ausführungen merken und seine Wirkung auf andere kontrollieren.

Diese kognitive Belastung ist so groß, dass ihm kaum noch Kapazitäten bleiben, an der eigentlichen Schilderung der Tat zu feilen und diese detailliert, widerspruchsfrei und authentisch an den Mann zu bringen. Aus diesem Grund fällt laut Volbert eine erlogene Aussage in der Regel "weniger elaboriert" aus als eine realitätsbasierte Schilderung.

Der Lügner vor Gericht steht noch vor einem weiteren Problem: Ein Erlebnis, das sich ereignet hat, hinterlässt stärkere Spuren im Gedächtnis als eine Lügengeschichte. Während er lediglich akustische und visuelle Eindrücke zu Protokoll geben kann, berichtet der wahr aussagende Mensch noch von anderen Sinneseindrücken, etwa Gerüchen, Berührungen, Körper- und Kältegefühlen. Die neuronale Verankerung des tatsächlich Erlebten ist komplexer und umfassender als die des bloß erdachten Geschehens.

Auch die strategische Ausgangslage des Lügners ist schlechter. Anders als derjenige, der sich auf ein reales Ereignis stützt, sieht er sich gezwungen, die Glaubhaftigkeit seiner Schilderung besonders betonen zu müssen. "Aus diesem Grund", so Niehaus, "meidet er alle Äußerungen, die ihn in ein schlechtes Licht rücken oder sein Image beschädigen könnten."Opfer von Vergewaltigung, Gewalt oder Missbrauch hingegen gehen die Tat im Kopf immer wieder durch, hadern mit sich selber und fragen sich, was sie besser hätten machen können, um das Geschehene zu verhindern.

"Solche selbstkritischen Überlegungen sind bei einem gezielt Falschaussagenden weniger zu erwarten", sagt Niehaus. "Bei ihm finden sich weniger Selbstvorwürfe, seltener spontane Korrekturen der eigenen Aussagen und ein weniger differenziertes Porträt des Täters." Des Lügners Botschaft lautet: Ich bin gut, der Täter ist böse und alles, was ich sage, hat sich exakt so zugetragen.

Seine Aussage steuert zielstrebig auf den Höhepunkt des Geschehens zu - also auf das Verbrechen. Die Frage, warum es zur Tat kommen konnte und wie sie möglicherweise hätte verhindert werden können, stellt sich nicht.

Falsche Vorstellung einer guten Lüge

Studien belegen, dass Menschen eine klare, aber falsche Vorstellung davon haben, wie eine gute Lügengeschichte aussehen sollte. Niehaus forderte 120 Probandinnen auf, in einer fiktiven Untersuchung wahrheitswidrig zu behaupten, Opfer einer Vergewaltigung geworden zu sein.

KLAUS JÜRGEN UNKELBACH

Klaus Jürgen Unkelbach (Mitte), einer der Hauptangeklagten im Wormser Kindesmissbrauchsprozess, verlässt 1997 als freier Mann das Gericht in Mainz.

(Foto: dpa)

"Stellen Sie sich vor", so die Instruktion, "Ihre beste Freundin ist von einem gemeinsamen Nachbarn vergewaltigt worden, möchte aber keine Anzeige erstatten. Aus Angst, selbst Opfer des Nachbarn zu werden, zeigen Sie den Täter an und behaupten, Sie seien Opfer der Vergewaltigung gewesen. Worauf würden Sie bei Ihrer Aussage achten?"

Es zeigte sich, dass die Frauen eine strukturierte und chronologische Schilderung bevorzugten. Sie vermieden Selbstbezichtigungen und präsentierten sich moralisch makellos. Forscher hingegen wissen, dass wahre Schilderungen inhaltlich eher sprunghaft und ungeordnet sind. Glaubwürdige Opferaussagen beinhalteten häufig Selbstvorwürfe. Was Laien für eine gute Lüge halten, ist eigentlich eine schlechte.

Dieser Einsicht folgend haben forensische Psychologen Kriterien erarbeitet, mit denen Glaubwürdigkeit überprüft werden kann. Berichtet jemand - so ein Lehrbuchbeispiel - in seiner Aussage von Komplikationen oder überraschenden Vorkommnissen, dann ist das ein starker Hinweis auf die Echtheit des Erlebten. Ein Jugendlicher etwa gibt zu Protokoll, dass er in der Toilettenkabine von einem Lehrer sexuell bedrängt worden sei und zu flüchten versucht habe. Er sei auf den Spülkasten der Toilette gesprungen, der aber dabei abgebrochen sei, so dass Wasser ausgelaufen sei.

Bei einem zweiten Fluchtversuch habe er versucht, die Wand der Toilettenkabine emporzuklettern. Da seine Schuhe durch das Wasser nass geworden seien, hätte er jedoch keinen Halt gefunden. In dieser Schilderung ist das Merkmal "Komplikation" eingelöst. Besonders überzeugend sei die Verkettung der beiden Komplikationen abbrechender Spülkasten und nasse Schuhe. Im Regelfall liegt es außerhalb der Kreativität von Lügnern, sich solche Geschichten im Detail zu überlegen.

Als weiteres Glaubwürdigkeitsmerkmal gilt, dass der Aussagende Ereignisse gedanklich verknüpft, die nichts miteinander zu tun haben. Das passiert zwar selten, doch wenn es auftritt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das berichtete Geschehen tatsächlich erlebt wurde. So gibt beispielsweise ein Junge an, vom Pfarrer über Jahre sexuell missbraucht worden zu sein. Als er sich eines Tages dagegen wehren wollte, habe der Pfarrer ihm gesagt: "Wenn du nicht mitmachst, dann wird Gott deine Familie bestrafen."

Alles ergibt einen Sinn, nichts gibt Rätsel auf

In den Monaten nach dem Vorfall sei sein Großvater an Krebs erkrankt, berichtet der Junge. Er glaubt, dafür verantwortlich zu sein. Um weiteres Unheil von seiner Familie abzuwenden, habe er sich deshalb "freiwillig" mit dem Pfarrer getroffen. Solche falschen Kausalitäten wie zwischen Missbrauch und Krebserkrankung finden sich üblicherweise nicht in Schilderungen von Lügnern.

Wer eine Lügengeschichte präsentiert, überlegt sich zudem meistens einen Plot und liefert die Interpretation gleich mit: Alles ergibt einen Sinn, nichts stellt den Zuhörer vor Rätsel. Anders verhält es sich bei realitätsbezogenen Aussagen, gerade von sehr jungen Opfern sexueller Übergriffe, sagt Niehaus: "Einzelne Verhaltensweisen des Täters werden zwar aus kindlicher Sicht genau beschrieben, gleichzeitig wird aber deutlich, dass deren Bedeutung überhaupt nicht verstanden wurde."

Auf diese Weise nach Glaubwürdigkeitsmerkmalen zu fahnden gilt mittlerweile als empirisch gesicherte Methode der Gerichtspsychologie. Finden sich diese in den Berichten, handelt es sich vermutlich nicht um gezielte Falschaussagen. "Der Umkehrschluss ist aber nicht möglich", warnt Niehaus. "Nur weil sich in einer Schilderung wenige Hinweise auf Glaubhaftigkeit finden, muss die aussagende Person noch lange kein Lügner sein."

Schildert beispielsweise eine Opferzeugin die Ereignisse strukturiert, logisch und mit klarer Interpretation, kann sie dennoch die Wahrheit sagen. Denkbar ist etwa, dass sie bereits mehrmals vernommen wurde und ein Polizist mit Nachfragen ordnend in den Erzählfluss eingegriffen hat:

"Schon lässt sich das Merkmal chronologisch versus ungeordnet nicht mehr anwenden", warnt Niehaus. Dieses Beispiel ist nur eines von vielen, das die Schwächen der Methode zeigt. So gut erforscht sie auch sein mag, ein einfacher Wahrheitstest ist auch sie nicht.