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Psychologie:Doppelt schön

Robotergesicht

Ein Besucher der Comic Con Revolution trägt eine Robotermaske.

(Foto: Cindy Yamanaka/dpa)

Unvollständige Gesichter wirken auf Fotos attraktiver als das komplette Bild. Das Gehirn scheint idealisierte Vorstellungen hinzuzufügen. Auch in vielen anderen Situationen lädt das Ungefähre ein, Lücken zu einem rosigen Bild aufzufüllen.

Das Ungefähre entfaltet oft stärkere Magie als das Konkrete. Lücken lassen sich nämlich mit idealisierten Vorstellungen davon auffüllen, was so alles sein könnte. Die grellen Details der Realität können hingegen verstören. Wer sich verliebt, verfällt auch eher der romantisierten Verstellung einer Person, von der er zu diesem Zeitpunkt oft nur Facetten kennt. Nach ähnlichem Prinzip scheinen Menschen Gesichter wahrzunehmen, beziehungsweise zu bewerten: Ein Teil des Ganzen weckt mehr Begeisterung als das komplette Bild.

Gerade haben die Psychologen Diana Orghian von der Universität Lissabon und César Hidalgo von der Universität Toulouse in der Fachzeitschrift Scientific Reports eine Studie veröffentlicht, die dies nahelegt. Demnach bewerten Menschen Fotos unvollständiger Gesichter attraktiver als solche, die ein ganzes zeigen. Die fehlenden Partien wecken wohl die Fantasie der Betrachter und werden im Geiste zu einer idealisierten Version des Abgebildeten zusammengefügt. Wenn optischer Interpretationsspielraum bleibt, wird dieser also mit besten Annahmen ausgeschmückt.

Für ihre Studie legten die beiden Psychologen mehreren hundert Probanden Fotos von 96 verschiedenen Gesichtern vor. Die Bilder gab es in verschiedenen Versionen: vollständig, verschwommen, sehr klein oder es war nur ein Drittel des Gesichts zu sehen. Im Vergleich fanden die Teilnehmer die Gesichter am attraktivsten, wenn nur ein Drittel des Ganzen abgebildet war. Auch die verschwommenen und besonders kleinen Fotos wurden als etwas attraktiver als das komplette Original bewertet.

Oft reicht ein flüchtiger Blick, um jemanden schön zu finden. Und dann verpufft das Schwärmen

In weiteren Versuchen zeigte sich, dass diese Form der idealisierenden Lückenfüllung vermutlich nur in Bezug auf menschliche Gesichter wirkt. Wiederholten Orghian und Hidalgo das Prozedere mit Fotos von Blumen, Landschaften oder den Gesichtern von Hunden, ergab sich kein ähnlicher Effekt. Dies passe zu bekannten Befunden, so die beiden Psychologen, wonach Reize dann mit wohlwollendem Vorschuss bewertet werden, wenn diese menschliche Assoziationen wecken.

"Wir bewerten das Äußere anderer Menschen oft auf der Grundlage unvollständiger Informationen", schreiben Orghian und Hidalgo. Das geschieht zum Beispiel, wenn man sich Profilbilder in sozialen Netzwerken ansieht, die nur einen Ausschnitt zeigen, unscharf sind oder die Person so klein abgebildet ist, dass Details verloren gehen. Jenseits des Digitalen reicht oft auch ein flüchtiger Blick, um jemanden attraktiv und interessant zu finden - und manchmal verpufft dieses Interesse, sobald sich das Bild vervollständigt.

Dass unvollständige Informationen eine positiv verzerrte Bewertung begünstigen können, ist auch aus anderen Zusammenhängen bekannt. Zum Beispiel haben Studien gezeigt, dass die Persönlichkeiten flüchtig bekannter Menschen leichter rosig verklärt werden. Wer noch nicht mit den Macken eines anderen konfrontiert worden ist, der rechnet wohl vor allem mit charakterlichen Vorzügen.

Viele positive Verzerrungen menschlicher Kognition richten sich hingegen auf das Selbst. So halten sich zum Beispiel die meisten Menschen für freundlicher, ernsthafter oder warmherziger als der Durchschnitt. Sie sind auch häufig der Überzeugung, dass ihre Meinungen weiter verbreitet sind, als meist der Fall ist - vielleicht weil ihnen Widerspruch und gegenteilige Informationen fehlen. Und wer nur wenige Facetten eines komplexen Themas kennt, hält sich eher für einen Experten. Ihm fehlt schlicht das Wissen darüber, was ihm alles unbekannt ist - auch hier lädt das Ungefähre ein, Lücken zu einem rosigen Bild aufzufüllen.

© SZ vom 24.01.2020
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