Psychologie Die Polarisierung erschwert die Lösung, selbst bei inhaltlicher Übereinstimmung

Für viele Themen gelte zwar, dass sich die Haltungen von Konservativen und Progressiven oder Christen und Atheisten nur marginal unterscheiden, so die Psychologen um Hanel. Aber alle Seiten neigen dazu, die jeweils andere für grundverschieden zu halten. Wir alle sehen und betonen gigantische Gegensätze, wo meist nur kleine Unterschiede zu finden sind. Doch scheinbar vernageln sich die Menschen dagegen, die vielen Schnittmengen zu erkennen, und lehnen Aussagen ab, nur weil sie vom falschen Absender stammen. Die Formel lautet: Wenn der falsche Mensch etwas Richtiges sagt, dann ist das Gesagte automatisch wertlos. Ein weißer Mann, der Rassismus verurteilt? Buh, unerhört, so einer hat nichts mehr zu melden!

"Durch derartige Polarisierung sinkt die Wahrscheinlichkeit einer politischen Einigung - selbst bei einer grundsätzlichen inhaltlichen Überlappung", sagt Hanel. Für Debatten in der Öffentlichkeit könnte es ratsam sein, so überlegt der Psychologe, die politische Haltung nicht von Beginn an offenzulegen. Das könnte die Chance erhöhen, dass der Gesprächspartner eine Weile unvoreingenommen zuhört.

"Unter den Übermütigen ist immer Streit; aber Weisheit bei denen, die sich raten lassen."

Wir gegen die anderen: Es ist das Gefühl der Zugehörigkeit, welches das Denken trübt. Die eigenen Leute erscheinen automatisch in günstigem Licht, während Angehörige fremder Gruppe reflexhaft kritisch beäugt werden. Wie stark dieses Wir-gegen-sie-Denken die Bewertung von Vorgängen und Inhalten beeinträchtigt, haben Forscher in der Vergangenheit zig Mal beobachtet. In den 1960er-Jahren demonstrierte der israelische Psychologe George Tamarin, wie die Quelle einer Geschichte moralische Urteile verzerren kann. Er legte etwa 1000 Schülern jüdischen Glaubens eine Geschichte aus dem Buch Josua vor, das Teil des Alten Testaments ist. In der Passage wird geschildert, wie der israelitische Anführer nach der Eroberung einer Stadt sämtliche Bewohner töten lässt, Frauen, Kinder, Männer und Tiere. 60 Prozent der befragten Schüler hielten das Massaker für gerechtfertigt. Behauptete der Psychologe jedoch, die Passage stamme aus einer anderen Quelle und beschreibe Taten, die der chinesische General Lin vor 3000 Jahren befehligt hatte, fiel das Urteil anders aus. Dann hielten nur mehr sieben Prozent der Schüler das Massaker für vertretbar.

In einer Studie aus dem Jahr 2012 fanden denn auch Israelis und Palästinenser einen exakt gleichen Friedensplan für den Nahostkonflikt deutlich weniger überzeugend, wenn er vermeintlich von der jeweiligen Gegenseite ausgearbeitet worden war. Das gleiche Prinzip beobachtete der Psychologe Geoffrey Cohen in Experimenten mit US-Demokraten und -Republikanern. Diese lehnten einen identischen Sozialplan eher ab, wenn dessen Urheberschaft der Gegenseite zugesprochen wurde.

Linke und Rechte verweigern sich im Übrigen mit gleicher Wahrscheinlichkeit und Vehemenz wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ihren Überzeugungen widersprechen. Den einen treiben Themen wie Evolution oder Klimawandel die Scheuklappen vor den Geist, die anderen schäumen bei Studien zu Gentechnik, Impfen oder zu genetischen Veranlagungen des Menschen. In einer jüngst im Fachblatt Perspectives on Psychological Science erschienenen Metaanalyse mit Daten von mehr als 18 000 Probanden zeigt sich: Keine Seite des politischen Spektrums verfügt über ein Monopol auf selbstgerechtes Denken. Wie Psychologen um Peter Ditto von der University of California in Irvine zeigen, gehen Konservative und Progressive gleichermaßen geschmeidig mit Fakten um, wenn ihre Haltungen infrage gestellt werden. Zudem sind beide Seiten des politischen Grabens überzeugt, dass nur die anderen voreingenommen seien und durch getönte Filter auf die Welt blickten. Die Deppen sind immer die anderen, natürlich.

Das Fazit der Psychologen um Hanel fällt pessimistisch aus. Wie sollen die Konfliktparteien in zunehmend polarisierten Gesellschaften zu einer zivilisierten Debatte zurückfinden, so fragen die Forscher, wenn sie nicht mal ideologisch unverdächtige Sprüchlein aus dem Munde der anderen ertragen können? Nun, wie heißt es doch: "Unter den Übermütigen ist immer Streit; aber Weisheit bei denen, die sich raten lassen." Woher dieses Sprüchlein stammt? Wird lieber nicht verraten.