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Pharmaindustrie:Lohnendes Votum

Wie das Magazin "Science" berichtet, sollen Pharmafirmen Experten der amerikanischen Überwachungsbehörde für Medikamente viel Geld bezahlt haben. Allerdings erst nachdem diese ihre Produkte positiv bewertet hatten.

Beim Wirkstoff Ticagrelor waren sich die Experten schnell einig. Der Stoff minderte erwiesenermaßen das Risiko für Schlaganfälle und Herzattacken, die US-Zulassung erfolgte 2010 mit sieben zu einer Stimme. Heute ist der Blutverdünner für den Hersteller AstraZeneca ein Blockbuster, das Medikament bringt unter dem Handelsnamen "Brilinta" jährlich mehrere Milliarden Dollar ein.

Doch jetzt fällt ein Schatten auf den Erfolg. Dem Magazin Science liegen Unterlagen vor, wonach vier Mediziner, die über die Zulassung entschieden haben, in den Jahren danach von AstraZeneca und den unmittelbaren Konkurrenten der Firma mit Geld und Sachleistungen bedacht wurden, beispielsweise für Reisen und als Beraterhonorare. Konkurrierende Produkte könnten von einem positiven Votum ebenfalls profitieren, etwa beim Markteintritt oder bei der Verpflichtung zu Warnhinweisen. Der Kardiologe Jonathan Halperin der Mount Sinai Klinik in New York soll auf diese Weise zwischen 2013 und 2016 Honorare, Beraterverträge und Reisen im Wert von mehr als 200 000 US-Dollar erhalten haben, berichtet Science. Daneben unterstützte AstraZeneca die Forschung des Mediziners mit rund zwei Millionen Dollar.

Nachträgliche Zahlungen gelten als unbedenklich und werden nicht überprüft

Eigentlich sollen Experten, die für die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) arbeiten, unabhängig sein und nicht finanziell profitieren. Jedoch fand Science bei der Analyse von öffentlich zugänglichen Zahlungen etliche solcher "Pay-Later-Situationen", bei denen Ärzte im Nachhinein Vorteile aus einem Votum zogen. 107 US-Mediziner, die beratend für die FDA tätig waren, nahm das Wissenschaftsmagazin unter die Lupe. 40 von ihnen erhielten nach einer positiven Entscheidung von betroffenen Pharmafirmen oder Konkurrenten mehr als 10 000 Dollar innerhalb von vier Jahren. 26 dieser Mediziner brachten es jeweils auf mehr als 100 000 Dollar, sieben Forscher kamen sogar auf Leistungen von je mehr als einer Million. Bei den 17 Top-Empfängern stammten 94 Prozent des Geldes von Herstellern von Arzneien, welche die Experten zuvor positiv beurteilt hatten, oder von direkten Konkurrenten.

Die nachträglichen Zahlungen seien ein Weg, "die Belohnung zu verzögern", kritisiert der Medizinethiker Carl Elliott. "Man tut einer Firma etwas Gutes, bei der man zuversichtlich sein kann, dass sie einen später dafür entlohnt." Dieses Vorgehen mag anstößig sein, illegal ist es bislang wohl nicht. Um Unabhängigkeit zu gewährleisten, fragt die FDA mögliche Interessenkonflikte ab - etwa ob eine Geschäftsbeziehung mit zu bewertenden Unternehmen besteht. Erwartete zukünftige Zahlungen zählen laut FDA jedoch nicht dazu. Halperin und andere Mediziner rechtfertigten sich gegenüber Science damit, die nachträglichen Zahlungen hätten ihre Entscheidung nicht beeinflusst. Es sei wichtig, Expertise zu Medikamenten aufzubauen, etwa anhand klinischer Studien. Unterstützung durch die Hersteller sei unabdingbar.

Allerdings werden in der Analyse auch Zahlungen aufgedeckt, die bereits im Vorfeld von FDA-Entscheidungen an einzelne Experten flossen. So soll Daniel Solomon von der Harvard Medical School nur drei Monate vor der Entscheidung zugunsten des Rheuma-Medikaments "Amjevita" von dessen Hersteller Amgen Unterstützung für Forschungsprojekte in Höhe von mehr als 200 000 Dollar, und 800 000 Dollar von einem Konkurrenten erhalten haben, berichtet Science. Inwieweit Solomon und andere Experten solche Unterstützung offengelegt haben, ist unklar, da die FDA die Herausgabe der Conflict-Of-Interest-Erklärungen verweigert habe oder erklärte, die Dokumente nicht finden zu können.