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Ornithologie:Das Zwitschern der Pandemie

Stunde der Gartenvögel

Ein junger Star (Sturnus vulgaris) trillert auf einem Hausdach.

(Foto: dpa)

Die einmalige Stille, welche die Corona-Krise im ganzen Land erzeugt, wollen Ornithologen für ein Citizen-Science-Projekt nutzen: Bürger sollen Vogelstimmen aufzeichnen und einsenden.

Von Thomas Krumenacker

In diesen Tagen erklingt es wieder zu nachtschlafender Zeit, das morgendliche Orchester der Tiere. Das Konzert aus ungezählten Vogelstimmen beginnt mitunter schon vor Sonnenaufgang. Die Ouvertüre bildet der etwas wehmütige Gesang des Gartenrotschwanzes, mit der Dämmerung steigert sich die Aufführung zu einem Crescendo aus Rotkehlchen, Amsel und Mönchsgrasmücke. Zum großen Finale kurz vor Sonnenaufgang stimmen Ringeltaube, Fitis, Star und Grünfink ein.

In diesem Jahr tritt dieser "Dämmerungschor" besonders auffällig in Erscheinung. Die Corona-Beschränkungen bringen eine ungewohnte Stille über die Innenstädte, in denen der Vogelgesang sonst von Lärm übertönt wird. Diese Jahrhundertgelegenheit wollen Wissenschaftler eines Citizen-Science-Projekts nutzen, um den Einfluss menschengemachter Geräusche auf Vögel zu erforschen.

Das Projekt "Dawn Chorus" des bayerischen Naturkundemuseums Biotopia und der Stiftung Nantesbuch ruft Menschen noch bis zum 22. Mai weltweit dazu auf, die pandemische Stille zu nutzen, um das morgendliche Vogelkonzert vor der Haustür mit dem Smartphone aufzunehmen und über eine Internetplattform in eine Datenbank einzuspeisen. Mitmachen kann jeder, der ein Smartphone besitzt (https://dawn-chorus.org).

Von München über Berlin bis nach New York soll auf diese Weise eine "globale Soundmap" entstehen, die von Wissenschaftlern ausgewertet wird. "Wie ändern Vögel die Kommunikation miteinander, wie verschiebt sich das Timing, wenn plötzlich Ruhe herrscht?", umschreibt die Mitinitiatorin Auguste von Bayern vom Max-Planck-Institut für Ornithologie eine der Fragestellungen.

Zwar wisse man schon einiges darüber, wann welcher Vogel am Morgen singt, sagt Lisa Gill, die das Projekt wissenschaftlich begleitet. Trotzdem könne ein Bürgerwissenschaftsprojekt mit vielen Teilnehmern manche vermeintliche Gewissheit über den Haufen werfen. "Es macht für die Forschung einen großen Unterschied, ob über ein Land verteilt zwei Leute parallel Daten erheben oder ob es tausend sind."

Am Flughafen Tegel verschoben die Vögel ihre Gesangszeiten, um dem Lärm zu entgehen

Dass auch Vögel unter Lärmstress leiden, haben Studien in mehreren Ländern belegt. Verkehrs- oder Fluglärm kann sogar die Überlebenschanchen von Vögeln beeinflussen. Am Madrider Flughafen Barajas wiesen Forscher nach, dass Kohlmeisen wegen des Fluglärms deutlich weniger Nahrung zu sich nahmen als Artgenossen in ruhigeren Gegenden. Weil sie im Krach der Starts und Landungen die Warnrufe von Artgenossen nicht hören konnten, mussten die Meisen die Futtersuche häufig unterbrechen und mit ihren Augen nach Katzen oder Greifvögeln Ausschau halten - zu Lasten der Nahrungsversorgung.

In einem Wald am Berliner Flughafen Tegel stellten Forscher fest, dass einige Arten ihren Morgengesang in die ruhige Zeit vor Beginn des Flugbetriebs vorverlegten, und in den Parks von Washington fanden Wissenschaftler heraus, dass Vogelmännchen bei Straßenlärm kürzer, leiser und weniger variantenreich singen als unter ungestörten Bedingungen. Vor allem die höheren Töne wurden weggelassen, weil diese ohnehin vom Verkehr überlagert wurden.

Diese Anpassung kann wiederum negative Folgen haben, wie andere Experimente zeigten. Für viele Vogelweibchen stellen Lautstärke und Variantenreichtum des Gesangs von Männchen ein wichtiges Kriterium bei der Partnerwahl dar. Experimente französischer Forscher mit Kanarienvögeln belegten, dass Weibchen eine geringere Bereitschaft zur Paarung zeigten, wenn sie den Gesang eines Männchens nur unvollständig hören konnten. Die Kanarien-Weibchen legten weniger Eier als üblich und bekamen weniger Nachwuchs. Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie wiesen an Zebrafinken sogar nach, dass eine dauerhafte Belastung durch Verkehrslärm deren Lebenserwartung verkürzt.

Auch Max-Planck-Forscherin Gill erhofft sich vor allem durch den Vergleich der Aufnahmen aus der Corona-Stille mit der Zeit danach und zwischen Sonn- und Werktagen Aufschlüsse über die Kommunikation zwischen Vögeln unter Lärmbedingungen. "Ich glaube, dass im Ton viel mehr Informationen stecken, als wir als Menschen denken, die so stark auf den Sehsinn geprägt sind", sagt sie. "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, aber eine Tondatei sagt viel mehr als 1000 Bilder."

Das "Dawn-Chorus-Projekt" will nicht nur die Kommunikation zwischen einzelnen Vögeln erforschen, sondern den Zustand ganzer Lebensräume mithilfe der "Klanglandschaften" analysieren. Der Vergleich von Tonaufnahmen an denselben Orten über mehrere Jahre soll verraten, wie sich die Artenvielfalt verändert. "Das morgendliche Vogelkonzert ist ein Spiegel der Biodiversität, und die Veränderung der letzten Jahre spiegelt dramatisch den Verlust der Artenvielfalt", sagt Auguste von Bayern.

Ein Rekorder kann das ganze Jahr über im Wald hängen und Geräusche aufnehmen

Diesen Ansatz verfolgt auch die in Deutschland relativ junge wissenschaftliche Disziplin der "Soundscape Ecology". Dabei werden nicht nur Vogelstimmen eines Gebietes, sondern auch Geräusche von Insekten, Säugetieren und sogar von Pflanzen beeinflusste Klänge und Geräusche geophysikalischen Ursprungs wie Donner und Wind über lange Zeit mit speziellen Rekordern aufgezeichnet und mithilfe von Computer-Algorithmen ausgewertet. Die erzeugten Spektogramme zeigen die Bandbreite und Intensität der akustisch belegten Frequenzen eines Lebensraums - eine Art akustische Landkarte der Artenvielfalt. "Wenn ein Ökosystem reich an Arten ist, dann zwitschert, rauscht, pfeift und bellt es, und das zeigt sich auf dem Spektogramm", erläutert der Freiburger Geobotaniker und Soundscape-Ökologe Michael Scherer-Lorenzen. Der große Vorteil der akustischen Indikatoren: Während sich bei der herkömmlichen Erfassung von Pflanzen- und Tierarten viele verschiedene Spezialisten meist nur einige Stunden lang im Untersuchungsgebiet aufhalten, kann ein Rekorder das ganze Jahr über im Wald hängen und gleichzeitig viele verschiedene Geräuschdaten erheben.

In Australien, Japan oder vielen US-Nationalparks werde die akustische Methode bereits vielfach zum Monitoring der Lebensraumqualität eingesetzt, sagt der Freiburger Professor. "Das funktioniert ganz ähnlich wie hierzulande die Überwachung der Luftraumqualität an automatisierten Messstellen in Städten." Das Projekt "Dawn Chorus" könne bei ausreichender Beteiligung helfen, auch in Deutschland eine akustische Landkarte des Zustands der Natur zu erstellen, hofft Scherer-Lorenzen. Der Natur zuzuhören und daraus wissenschaftlich belastbare Schlüsse zu ziehen, sei auch in Europa ein zunehmend akzeptierter Ansatz.

© SZ vom 06.05.2020/hmw

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