bedeckt München
vgwortpixel

Oktopoden:Riesenkalmare, Tintenfisch-Bewusstsein, Dosenöffner

Die XXL-Version

La Coruña, Nordspanien, Oktober 2016. Ein 105 Kilogramm schwerer Riesenkalmar lag plötzlich verletzt am Strand. 2015, in der Nähe von Tokio: Ein junger Riesenkalmar schwamm plötzlich in einem Hafenbecken herum. Es gibt sie, die ominösen Riesentintenfische, wobei zwischen Kalmar und Krake (Oktopus) zu unterscheiden ist. 2004 hatte der Japaner Tsunemi Kubodera erstmals Riesenkalmare mit Unterwasserkameras fotografiert. Sie sind die XXL-Ausführung der Kopffüßler, wenngleich mittelalterliche Geschichten von in die Tiefe gerissenen Schiffen damit nicht bewiesen sind. Über das Leben der real existierenden Riesentintenfische, deren Augen bis zu 40 Zentimeter groß sein sollen, ist indes abseits der gelegentlichen Begegnungen mit Menschen wenig bekannt. Erbgutuntersuchungen lassen vermuten, dass es weltweit nur eine Spezies dieser Megakalmare gibt: Architeuthis dux. Womöglich treiben die Jungtiere mit der Meeresströmung um den Globus und siedeln später in die Tiefe der Meere um. Für Calamari fritti taugt diese Spezies übrigens nicht: In seinem Muskelgewebe ist viel Ammoniumchlorid enthalten, was bestialisch stinkt und das zähe Fleisch ungenießbar macht. Pottwale stört das nicht, Riesenkalmare gehören zu ihrer bevorzugten Beute.

Ausdauernde Brutpflege

Viereinhalb Jahre lang hat eine weibliche Krake in der Tiefsee ausgeharrt, um ihre Eier zu bewachen. Eine derart lange Brutzeit sei bei keinem anderen Tier bekannt, berichteten Forscher im Jahr 2014. Die Wissenschaftler um Bruce Robinson vom Monterey Bay Aquarium Research Institute in Kalifornien hatten das knapp zehn Zentimeter lange Exemplar einer Tiefseekrake der Art Graneledone boreopacifica im Frühjahr 2007 mit einem Tauchroboter in 1400 Metern Tiefe entdeckt. Bei insgesamt 18 Tauchgängen in den folgenden Jahren beobachteten sie, wie das Weibchen ein Gelege aus olivengroßen Eiern behütete. Während der Nachwuchs heranwuchs, wurde das Weibchen dünn und bleich. Die Forscher konnten es nie beim Fressen beobachten, stattdessen war es damit beschäftigt, seinen Eiern frisches Wasser zuzufächeln und Feinde zu vertreiben. Zuletzt sahen die Meeresbiologen das Tier im September 2011. Wenige Wochen danach war es verschwunden und wahrscheinlich tot. Die leeren Eikapseln ließen auf etwa 160 geschlüpfte Kraken schließen. Die Forscher vermuten, die Brutphase sei so intensiv, weil die niedrige Temperatur in der Tiefsee die Entwicklung der Eier verlangsame und die Jungtiere bessere Überlebenschancen hätten, wenn sie beim Schlüpfen weit entwickelt seien.

Bei vollem Bewusstsein

Haben Oktopusse ein Bild von sich selbst? Können sie sich zumindest eine rudimentäre Vorstellung machen von ihrem Platz in der Welt und der Endlichkeit des eigenen Daseins? Ja, sagte eine Gruppe anerkannter Neurowissenschaftler 2012 in ihrer "Cambridge-Erklärung über Bewusstsein". Darin hieß es: "Die Beweislast deutet darauf hin, dass nicht nur Menschen neuronale Substrate besitzen, die Bewusstsein erzeugen." Aus der Tierwelt sei ihrer Ansicht nach neben Säugern und Vögeln als einziges wirbelloses Tier der Oktopus hinzuzuzählen. Dass die Achtarmigen Meeresbewohner Werkzeuge benutzen, zum Beispiel, wenn sie Kokosnussschalen mitführen, um sich im Notfall damit zu schützen, unterstützt die These vom selbstbewussten Tintenfisch. Dagegen spricht nach Ansicht einiger Fachleute, dass manche Kopffüßler Artgenossen fressen. Widerspricht nicht animalischer Kannibalismus der Idee vom geistigen Selbstbildnis? Tatsächlich darf man hier womöglich nicht vom menschlichen Wertesystem ausgehen, argumentieren manche Forscher (abgesehen davon, dass es auch in der Menschheitsgeschichte Kannibalismus gab). Fast alle Oktopus-Arten sind radikale Einzelgänger und als solche sozialisiert, was das Mitgefühl womöglich einschränkt.

Dosenöffner und Pingpong-Spieler

Das Öffnen eines Schraubverschlusses gehört zu den bekanntesten Fähigkeiten der Oktopoden. In unzählbaren Experimenten haben die Tiere verschlossene Behälter geöffnet. Dabei stellten Forscher zwei Dinge fest: Erfahrung macht den Meister. Je öfter die Tiere die Übung absolvierten, desto schneller wurden wie. Und die Aussicht auf Belohnung beschleunigte ihre Mechaniker-Lehre: Ist eine Krabbe in einem Glasgefäß zu sehen, geht das Öffnen deutlich schneller vonstatten. Gleiches konnten Biologen feststellen, indem sie den Deckelrand einer verschließbaren Dose mit einem Stück Hering einrieben. Die Forscher vermuten, dass der Geruchseindruck die Tiere sozusagen zum intensiveren Experimentieren ermuntert, während sie an einer neutralen Dose schneller das Interesse verlieren. Doch nicht nur, wenn sie Essbares vermuten, sind unbekannte Objekte für Oktopusse eine spannende Sache. Jennifer Mather von der kanadischen University of Lethbridge hat beobachtet, wie manche Oktopusse ausgiebig mit einer leeren Pillendose spielen, indem sie diese mit ihrer körpereigenen Wasserdüse quer durch das Aquarium schießen. Einmal spielten sie sogar Pingpong, indem sie den Sprudler ihres Beckens als Gegenspieler nutzten, der die Dose immer wieder zurückbugsierte.

Auge um Auge

Evolutionsbiologen wissen seit einer Weile, dass die Natur komplexe Körperteile mehrmals "erfunden" hat. So zum Beispiel die Flügel von Vogel und Fledermaus. Ähnlich ist es mit den Augen von Mensch und Kopffüßler. In Nature Scientific Reports berichteten Biologen vor drei Jahren, dass zwar ein Gen namens Pax6 in allen sehenden Lebewesen eine bedeutende Rolle spielt. Womöglich hat dieses Gen vor Urzeiten irgendwelche Glibberwesen in die Lage versetzt, zumindest hell und dunkel zu unterscheiden. Wenn heutige Lebewesen heranreifen, fungiert dieses Gen wie eine Art Vorarbeiter im Herstellungsbetrieb: Es instruiert andere Gene, die jeweils Teile zum entstehende Auge beitragen. Das Pax6-Gen ist Biologen zufolge älter als 500 Millionen Jahre und hat schon vor der kambrischen Explosion, bei der eine Vielzahl neuer Lebewesen entstand, eine Rolle gespielt. Doch weil sich die Entwicklungslinien von Mensch und Oktopus vor 600 oder vielleicht 700 Millionen getrennt haben, ist es höchst erstaunlich, dass sich die Augen beider Lebewesen heute dennoch stärker gleichen als etwa die Facettenaugen aus dem Insektenreich. Oktopoden, Kalmare und andere Cephalopoden haben so wie der Mensch sogenannte Kameraaugen, die aus einer Art Gehäuse mit Augenflüssigkeit bestehen.