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Ökosysteme:Waschbären reagieren auf Hundgebell. Selbst wenn es nur vom Tonband kommt

Bei den Waschbären auf den Inseln vor Kanada haben Justin Suraci und seine Kollegen jedoch einen klaren Panik-Faktor beobachtet - damit ist die Studie ein starkes Argument für die Theorie der Angstlandschaft. Waschbären, die am Ufer das Hundegebell vorgespielt bekamen, verbrachten danach weniger Zeit mit der Nahrungssuche und flohen meist kurz nach dem Lärm. Ähnlich heftige, aber harmlose Laute von Seehunden hatten dagegen keinen Einfluss.

An manchen Orten spielten die Wissenschaftler einen ganzen Monat lang regelmäßig Hundelärm. Das Getöse veranlasste die Waschbären, sich mit der Futtersuche zu beeilen. In der Folge konnten sich die Krebse, Krabben und Fische erholen, die sonst übliche Beute der Waschbären. Weniger erfreulich war das Experiment für die kleinen Schnecken, die ihrerseits den Krebsen als Nahrung dienen. Ihr Bestand nahm ab, nachdem Waschbären, die Feinde ihrer Feinde, mit Hundegebell vergrault worden waren.

Wie sehr sich die Angst vor dem Gefressenwerden auf ein Gebiet auswirkt, hängt jedoch stark von den beteiligten Tieren ab. Auch im Bayerischen Wald, wo seit den Neunzigerjahren wieder Luchse leben, haben Forscher nach solchem ängstlichen Verhalten gesucht - weitgehend vergeblich. Rehe verhalten sich in Gebieten, in denen Luchse umherstreifen, kaum anders als üblich. Sie fressen weiter in aller Ruhe und unterbrechen ihre Mahlzeiten nicht häufiger, um sich umzusehen - ein Verhalten bei Gefahr, das "Sichern" genannt wird. "Aber das System Reh-Luchs ist typisch für Pirsch- und Ansitzjäger", sagt Marco Heurich, der die Luchse im Nationalpark Bayerischer Wald seit Langem beobachtet und erforscht. "Die Effekte bei Raubtieren wie dem Wolf, die ihre Beute hetzen, können viel stärker sein."

Rehe lassen sich vom Luchs ihre Mahlzeiten nicht vermiesen

Denn vermutlich stellen die Tiere unbewusst eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Wer wie Suracis Waschbären auf Futter verzichtet, um sich zu verstecken, muss dadurch sein Risiko tatsächlich verringern. Das geht, wenn der Feind ein Hetzjäger ist wie Hunde oder Wölfe. Sie brauchen Platz für die Jagd, im Unterholz ist es darum vergleichsweise sicher. Luchse dagegen pirschen sich an, sie können immer und überall zuschlagen. Rehe haben kaum eine Chance, sie rechtzeitig zu bemerken: "Hat sich der Luchs einmal bis auf 20 Meter herangeschlichen, sind 70 Prozent der Angriffe erfolgreich", sagt Heurich. Erfolgreich heißt: Luchs satt, Reh tot.

Daher lassen es Rehe offenbar lieber drauf ankommen, ehe sie vor lauter Schreckhaftigkeit verhungern. Zumal sie sehr spezielle, energiereiche Nahrung brauchen und daher viel Zeit auf das Fressen verwenden müssen. Dass Rehe wirklich vorsichtiger wurden, konnten Heurich und seine Kollegen erst beobachten, als sie Luchs-Urin verteilten: Die unmittelbar wirkende Gefahr veranlasste die Tiere, ihre Mahlzeiten abzukürzen. Sinnlose Panik hat in der Evolution noch nie einen Vorteil gebracht. Begründete Vorsicht dagegen schon.

© SZ vom 26.02.2016

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