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Ökologische Folgen von Konflikten:"Waffen aus dem Ersten Weltkrieg töten noch heute"

Paul Walker kämpft seit Jahrzehnten gegen Chemiewaffen - zuletzt half er bei der Vernichtung der syrischen Kampfstoffe. Ein Gespräch über zynische Rüstungsfirmen, "nachhaltige Waffen" und einen aktuellen Chemiewaffenfund aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.

Von Christoph Behrens

Der US-Amerikaner Paul Walker ist Träger des "Right Livelihood Award", des sogenannten alternativen Nobelpreises. Für die 1993 von Michail Gorbatschow gegründete Nichtregierungsorganisation "Green Cross International" beaufsichtigt er die Vernichtung von chemischen Kampfstoffen und setzt sich seit langem für deren Ächtung ein. Unter anderem war Walker 2014 an der Räumung des syrischen Chemiewaffenarsenals beteiligt. Das Gespräch wurde auf der "International Convention of Environmental Laureates" aufgezeichnet, einer Konferenz von Umweltpreisträgern in Freiburg.

SZ.de: Sie beschäftigen sich mit langfristigen ökologischen Folgen von Konflikten. Was hat Krieg mit Umweltschutz zu tun?

Walker: Das US-Militär studiert schon lange den Einfluss des Klimawandels auf das Militär und die globale Sicherheit. Steigende Meeresspiegel bedrohen ja auch Militärhäfen. Und Wüstenbildung treibt Menschen aus ihren Heimatländern und kann so regionale Konflikte anheizen. Wir beim "Green Cross" drehen den Spieß um und fragen: Welchen Einfluss haben militärische Unternehmungen auf das Klima und die Umwelt? Das Problem stellt sich etwa dann, wenn man versucht, altes Kriegsgerät zu beseitigen.

Was ist dabei das Problem?

Die meisten Waffen, die wir jetzt loswerden, wurden zwischen 1940 und 1990 gebaut. Diese Waffen wurden niemals entworfen, um wieder auseinandergeschraubt oder recycelt zu werden. Sondern um zu töten und auf dem Schlachtfeld effektiv zu sein. Wahrscheinlich träumten die Militärs davon, dass die Waffen alle im Dritten Weltkrieg zum Einsatz kommen. Kein sonderlich guter Traum, aber so war es eben am billigsten, sie herzustellen. Und das macht es nun so schwierig, sie auseinanderzunehmen.

Mit welchen Gefahren kämpfen Sie dabei?

Die Chemiewaffen lagern in riesigen, klimatisierten Arsenalen. Sie laufen aus, rosten. Wenn von tausend mit Sarin oder VX-Gas bestückten Raketen auch nur eine einzige einen Tropfen in der Woche verliert, kann diese Menge sich anreichern, in die Lüftungsschächte geraten und töten.

Um die Waffen zu zerstören, müssen Arbeiter in dicken Schutzanzügen und mit Sauerstofftanks das Gebäude betreten und die Waffen zu einer Entmilitarisierungs-Einrichtung bringen. In den USA lagern etwa Bestände von M45-Raketen - zwei Meter lang, hinten Raketenmotor und Treibmittel, zwei Kilogramm VX-Nervengas, vorne ein Auslöser. Man legt die Rakete auf ein Fließband, Roboter zersägen sie in Einzelteile und entnehmen die Schrauben, der Kampfstoff wird in einen Eimer ausgeleert. Wenn die Maschine nur einen Millimeter daneben sägt, explodiert die Rakete und beschädigt die Apparate. Dann muss ein Team reingehen, alles dekontaminieren und neu aufbauen. Das dauert Monate. Von den M45 hatten wir Tausende, und viele sind in der Obhut der Roboter explodiert.

Klingt nach einem teuren Prozess.

Bei chemischen Waffen ist die Beseitigung sicher hundert-, in manchen Fällen sogar tausendfach teurer als ihre Herstellung. In den USA haben wir neun Einrichtungen, um chemische Waffen zu entsorgen. Jede kostete etwa fünf Milliarden US-Dollar. Eine einzige Waffe zu entsorgen, verschlingt viele Tausend Dollar.

Auch die Entsorgung ist ein großes Geschäft

Beteiligt sich die Rüstungsindustrie an der Entsorgung?

Das Big Business ist stark interessiert, an der Entsorgung mitzuwirken, weil da sehr viel Geld drin steckt. Gute Profite. Große Konstruktionsfirmen wie Bechtel und die Parsons Corporation machen die Arbeit gerne.

Ist das nicht zynisch? Erst verdient man Geld mit dem Bau der Waffen, und dann mehr Geld mit ihrer Vernichtung?

Ja, und ich weiß gar nicht, mit welchem der beiden man mehr Geld verdienen kann. Das ist ein geschlossener Kreislauf für die Rüstungsindustrie. Sie baut die Waffen, wartet sie, zerstört sie. Aber eins hat man dabei gelernt: dass man Waffen so designen sollte, dass man sie sicherer, einfacher, günstiger zerlegen kann. Es sind ja im Prinzip gute Nachrichten, wenn die Waffen nicht benutzt werden. Aber dann müssen wir sie auch so loswerden können, dass sich niemand dabei verletzt. Ich glaube, in Zukunft müssen Militärs stärker berücksichtigen, welche Umwelteinflüsse und langfristigen Gesundheitsgefahren es geben könnte, wenn sie in den Krieg ziehen wollen oder Waffen an jemanden liefern.

Eine Art ökologischer Fußabdruck für militärische Projekte?

Absolut. Jedes Waffensystem sollte eine Umweltbewertung bekommen, schon bevor man anfängt, es zu bauen. In den USA diskutieren wir bereits über "grüne Waffen" und nachhaltige militärische Ausbildung. Ich bin mir nicht sicher, ob es so etwas überhaupt geben kann, weil das in gewisser Hinsicht ein Widerspruch in sich ist. Waffen sind ja dazu gedacht, zu explodieren und zu zerstören, und nicht dazu, Dinge zu beschützen und zu erhalten. Aber zunehmend berücksichtigen Militärplaner auch die Einflüsse auf Umwelt und Gesundheit. Und die Chemiewaffenkonvention verbietet bereits, Waffen zu vergraben.

War das früher anders?

Wir haben überall in der Welt nichtexplodiertes Kriegsmaterial herumliegen. Bis zum Ersten und Zweiten Weltkrieg hat jeder seine Waffen einfach vergraben - man ist ins Feld gegangen, hat eine Grube ausgehoben und die Waffen reingeworfen. In den Ozeanen wurden Millionen Tonnen Waffen versenkt - Sprengstoff, Chemiewaffen, sogar Atommüll. Im Mittelmeer, in der Ostsee, im Atlantik, Pazifik. Nur die Antarktis blieb verschont. Es ist atemberaubend, dass man mal geglaubt hat, das wäre eine gute Idee.

Giftgas unter den Häusern von Senatoren und Botschaftern

Was passiert, wenn das Zeug wieder zum Vorschein kommt?

Einer der interessantesten aktuellen Fälle ist eine ehemalige Chemiewaffen-Müllhalde im Nordwesten von Washington, D.C., genannt "Spring Valley". Dort war im Ersten Weltkrieg ein Chemiewaffenlabor. Nach dem Krieg hat man es geschlossen und Substanzen wie Senfgas oder Lewisit in Löchern im Boden entsorgt. Damals war es unbesiedeltes Gebiet. Später ist daraus eine hübsche Wohngegend geworden, Kongressabgeordnete, Senatoren und Botschafter leben dort. 1993 hat der koreanische Botschafter in seinem Garten herumgebuddelt und etwas gefunden, das nach Waffen aussah. Er rief die Polizei, die Polizei rief das Militär und das Militär sagte, das seien nicht einfach Waffen, das seien tödliche Chemiewaffen. Seitdem überwacht das US Army Corps of Engineers die ganze Gegend, und sie finden immer noch toxische Substanzen.

Wie gefährlich ist das für die Bewohner?

Einige Waffen sind korrodiert, ihr Inhalt hat sich in Grundbausteine wie Arsen oder Perchlorid zersetzt. Die sind sehr giftig und können ins Trinkwasser gelangen.

Dazu kommt vermutlich der psychologische Aspekt: Hilfe, unter meinem Haus lagern Chemiewaffen...

Es ist eine psychologische Belastung, aber nicht nur das. Im Spring Valley gibt es eine ganze Reihe sehr exotische Krankheiten, seltene Gehirntumore, Anomalien im Blut. Es gibt bislang noch keinen direkten Beweis, ob sie etwas mit Substanzen im Boden zu tun haben. Aber wir vermuten es. Unter dem Haus eines ehemaligen Universitäts-Präsidenten führt die Armee gerade eine Ausgrabung durch. Das ist ein "sick house", alle Angehörigen des Mannes erkrankten auf merkwürdige Weise. Vor zwei Jahren hat man entschieden, das ganze Haus abzureißen - ein wunderschönes, zwei bis drei Millionen Dollar wertvolles Heim. Jetzt ist ein Zelt über das Grundstück gespannt, die Armee hat sechs Meter tief gegraben, und tatsächlich haben sie Überreste von Chemiewaffen gefunden. Die Waffen, die man für den Ersten Weltkrieg entworfen hat, verletzen und töten also noch heute, ein Jahrhundert später.

"Wir müssen die Sorgen der Öffentlichkeit ernst nehmen"

Gibt es denn einen Zeitplan, alle diese Altlasten zu beseitigen?

In den USA hatten wir glücklicherweise in den letzten 150 Jahren keinen Krieg, nur militärisches Training. Mit dessen Hinterlassenschaften ist man hoffentlich in diesem Jahrhundert fertig. Die größte Herausforderung liegt in den Ozeanen. Viele der Müllkippen dort sind sehr tief und unbekannt - man erfährt davon eigentlich nur, wenn Fischer alte Waffen in ihren Netzen hochziehen. Vor der Küste Neuenglands wurde kürzlich eine ganze Fischercrew von Senfgas aus dem Ersten Weltkrieg verletzt. Diese armen Fischer mussten im Eiltempo ins Krankenhaus, ihr Boot kam unter Quarantäne. Zum Glück haben sie sich erholt. Aber diese Zwischenfälle häufen sich auch in der Ostsee, dort wurde vor allem Kriegsgerät der Nazis versenkt.

Wiederholen sich diese Fehler gerade in Krisengebieten wie der Ukraine oder Syrien?

Ich glaube schon, und es könnte schlimmer kommen. Die Streumunition, die jetzt verwendet wird, ist sehr klein. Sie könnte sehr lange in der Umwelt verbleiben. Chemiewaffen sind glücklicherweise meistens nicht mehr im Einsatz, außer vereinzelt in Syrien. Aber jetzt wird häufig Uranmunition verwendet. Sie strahlt radioaktiv, wenn sie ihr Ziel trifft. Das ist gefährlich und krebserregend. Die Langzeit-Risiken, die von heutigen Schlachtfeldern ausgehen, sind vermutlich anders als vor 50 oder 100 Jahren - mal größer, mal weniger.

Als Erfolgsgeschichte gilt die Vernichtung der syrischen Chemiewaffen, an der Sie beteiligt waren. Welche Lektionen lassen sich da für die Zukunft ableiten?

Wir konnten die Waffen wegen des Bürgerkriegs nicht in Syrien zerstören, also mussten wir sie rausschaffen. Das ist rechtlich schwierig, und kein europäisches Land wollte sie haben. Also haben wir das auf einem US-amerikanischen Schiff erledigt, das zwei große Neutralisationssysteme an Bord hatte. Das klappte sehr gut. Das Abwasser aus diesem Prozess wurde dann in Deutschland und in Finnland unschädlich gemacht.

Die erste Lektion ist, dass wir so etwas auf einem Schiff hinbekommen. Die zweite ist, dass wir die Öffentlichkeit dabei ernster nehmen sollten. Es gab große Proteste gegen diese Aktion, in Griechenland, Kreta, Zypern, Italien. Die Menschen hatten Angst, es könnte etwas schief gehen und Substanzen ins Mittelmeer gelangen, mit fatalen Folgen für die Ökosysteme und den Tourismus. Das sind berechtigte Sorgen, da hätte es mehr öffentlichen Dialog geben müssen, um aufzuklären. Es verlief aber alles sicher und reibungslos. Gott sei Dank.

© SZ.de/mahu/dd/odg

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