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BP:Reinigungsmittel gegen Deepwater-Horizon-Ölpest war nutzlos

DAMAGE FROM BP OIL SPILL LINGERS A YEAR LATER

Rund 700 Millionen Liter Öl verteilten sich nach der Deepwater-Horizon-Katastrophe über den Golf von Mexiko und in das Mississippi-Delta.

(Foto: Mark Ralston/AFP)
  • Nach dem Unglück der Deepwater-Horizon-Ölplattform kippte der BP-Konzern Dispersionsmittel in den Golf von Mexiko, um den Schaden zu mindern.
  • Eine Analyse belegt nun, dass die Chemikalien nutzlos waren. Sie sorgten dafür, dass Mikroorganismen, die Öl abbauen, sich weniger stark vermehrten.
  • BP profitierte von der Strategie, da das Ausmaß der Katastrophe wegen der Chemikalien weniger sichtbar war.

Von Andrea Hoferichter

Als im Jahr 2010 die Bohrinsel Deepwater Horizon explodierte, strömten in 1500 Metern Tiefe rund 700 Millionen Liter Erdöl in den Golf von Mexiko. Wie bei Ölkatastrophen üblich, wurde eine vermeintlich reinigende Chemikalienmischung aus Tensiden, Alkoholen und Lösungsmitteln ausgebracht - in der Hoffnung, den Schaden zu begrenzen. Nun zeigt ein deutsch-amerikanisches Forscherteam im Fachblatt PNAS, dass diese Strategie die üblen Folgen einer Ölkatastrophe nicht mindert, sondern sogar verschlechtern könnte.

Der Chemikalienmix zerlegt die Erdölmassen in winzige Tröpfchen, die sich im Meer fein verteilen. Durch die erhöhte Angriffsfläche sollen Bakterien die im Öl enthaltenen Kohlenwasserstoffe schneller zu Kohlendioxid umwandeln können, so die gängige Theorie. Doch gerade die erdölverspeisenden Bakterien der Gattung Marinobacter, die in den Weltmeeren heimisch sind, vermehren sich in Anwesenheit der Dispersionsmittel weniger stark, wie die Arbeit der Forscher um Sara Kleindienst von der Universität Tübingen zeigt.

Die Wissenschaftler haben im Labor das Erdöl der Deepwater-Horizon-Katastrophe nachgemischt, es in Meerwasser gegossen und untersucht, was durch die Zugabe von Dispersionsmittel passiert. Dabei beobachteten die Forscher unter anderem, dass statt der Marinobacter-Bakterien Mikroorganismen der Gattung Colwellia gedeihten. Diese helfen aber nicht dabei, das Erdöl zu beseitigen. Für sie stellt das vermeintliche Anti-Erdölmittel offenbar eine Art Zusatznahrung dar. "Eine entsprechende Bakterienblüte hat man damals auch im Golf von Mexiko festgestellt", sagt Kleindienst.

Endlich gibt es ein starkes Argument gegen den Einsatz von Dispersionsmitteln

Hermann Heipieper vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig begrüßt die Ergebnisse der Studie. "Endlich gibt es ein schlagkräftiges wissenschaftliches Argument gegen den Einsatz von Dispersionsmitteln", sagt er. Schon nach der Havarie des Öltankers Exxon Valdez im Jahr 1989 hätten Untersuchungen an ölverpesteten Küstenabschnitten gezeigt, dass die Zugabe von Nährstoffen wie Phosphat, Eisen und Stickstoff den der mikrobielle Erdölabbau deutlich stärker fördert als Dispersionsmittel. Der Forscher war empört, als die Chemikalien trotz dieser Erkenntnisse im Golf von Mexiko zum Einsatz kamen. Profitiert hätten vor allem der Hersteller der Stoffe und der Ölkonzern. Schließlich zerkleinerten die eingesetzten Dispersionsmittel das Öl, das wahre Ausmaß der Katastrophe blieb dadurch weniger sichtbar.

Ob die Mittel generell ungeeignet sind, die Umwandlung von Öl in Kohlendioxid zu beschleunigen, ist noch offen. Die Befunde aus Kleindiensts Labor gelten vorerst nur für einen Einsatz in tiefem Wasser. "Wie es sich verhält, wenn die Mittel etwa nach Tankerunfällen auf die Wasseroberfläche gesprüht werden, muss noch geklärt werden", räumt die Tübinger Forscherin ein. Karl-Heinz van Bernem vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht sieht ebenfalls noch Forschungsbedarf. So müsse noch geklärt werden, welchen Effekt unterschiedliche Dispersionsmittel auf verschiedene Öle in verschiedenen Ökosystemen und Klimaregionen haben. Und selbst, wenn sie nicht bei der Umwandlung des Öls helfen, könnte ihr Einsatz Bernem zufolge eventuell sinnvoll sein, denn es hemmt Ölteppiche, die Tiere gefährden.

Bisher ist noch unklar, ob Dispersionsmittel Lebewesen schaden können. Die Bewertungen für das Mittel, das im Golf von Mexiko zum Einsatz kam, reichen von "harmloser als Seife" bis zu einer 52-fach verstärkten Toxizität des Erdöls. Studien zu möglichen Langzeitwirkungen stehen noch aus.

© SZ vom 10.11.2015/chrb
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