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Arktis:Die mit den Rentieren leben

Für die Sámi sind Rentiere keine märchenhaften Wesen, sondern: Lebensgrundlage.

(Foto: Fabian Weiss)

Rund um die Arktis leben rund zwei Dutzend Völker vom Rentier. Können sie ihre traditionelle Lebensweise trotz Klimawandel und Bebauung der Tundra bewahren?

Der Motorschlitten heult über das Eis zugefrorener Seen hinweg, dann schießt er viele Kilometer weit zwischen Zwergbirken hindurch, aus denen Schneehühner aufflattern. Trotz der Handschuhe schmerzen die Finger am Lenker, das Thermometer zeigt 15 Grad Celsius unter null. Erst als wir den Anschaltknopf der Handgriffheizung finden, wird aus der ­Tortur ein Vergnügen.

Zwei Stunden dauert die 50 Kilometer lange Fahrt von Kautokeino, einer Stadt im nördlichsten Norwegen, ins Irgendwo der Kältesteppe, bis unvermittelt ein Mann vor dem Schlitten auftaucht. In seinem Daunenmantel erinnert er an das Michelin-Männchen. Über der Schulter trägt er ein zusammengerolltes, orangefarbenes Plastikkabel: sein Lasso. "Ich bin Issat Turi", sagt der Mann. "Willkommen in unserer Siida." So nennen die Sámi, das einzige indi­gene Volk Nordeuropas, ihre zeitweiligen Wohn­plätze. Die Vorfahren schlugen hier ihre traditionellen Zelte auf, heute übernachten die Turis in einfachen Holzhütten.

Aus natur 1/2019

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  • natur 1/2019

    Der Text stammt aus der Januar-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 01/2019 auf natur.de...

Die Siida der Familie Turi besteht seit 100 Jahren. Heute ist sie das Basislager für Issat Turi, 37, und seinen Onkel Johan, der in einer der beiden Hütten vor 64 Jahren zur Welt kam. Von hier aus hüten sie ihre halbwilden Rentiere, es sind mehrere Hundert. Die genaue Zahl will Issat Turi nicht verraten, das bringe Unglück, sagt er und lacht.

Der Mitteleuropäer weiß gewöhnlich nicht viel mehr über Rentiere, als dass der Weihnachtsmann sie vor seinen Schlitten spannt, um die Kinder der Welt mit Geschenken zu beliefern. Gar keine so fantastische Vorstellung: Das Ren ist die einzige Hirschart der Welt, die der Mensch domestizieren konnte. Die Dhuka im Norden der Mongolei konnten sie so zahm machen, dass sie als Reittiere genutzt werden. In Skandinavien sind sie scheuer.

Den Indianern Nordamerikas war einst das Bison gleichbedeutend mit ihrer Existenz, bis die europäischen Siedler kamen und es ausrotteten. Das Rentier gibt es noch, und mit ihm zwei Dutzend Völker rund um die Arktis, für die es der Ursprung und die Grundlage ihrer Kultur ist. In der Finnmark in Nordnorwegen leben neben Issat Turi und seiner ­Familie 1500 Sámi in 200 Siidas von 100 000 Rentieren. Zählt man alle Hirten in Finnland, Schweden, Russland, der Mongolei, Alaska und Kanada hinzu, kommt man auf weltweit 100 000 Menschen mit 2,5 Millionen Rentieren. Doch wie lässt sich ihre traditionelle Lebensweise angesichts schwindender Weideflächen, Klimawandel und immer niedrigeren Preisen für Rentierfleisch bewahren?

Unter den Zelten der gefrorene Boden, darüber der Himmel mit flackernden Nordlichtern.

(Foto: Fabian Weiss)

Die Antwort der Samen lautet: das alte Wissen sammeln und austauschen. Sich zusammenschließen. Selbstbewusst auf die eigene Kultur und die ­Güte des Rentierfleisches aufmerksam machen. Dafür wollen das Sámi University College und der Interessenverband "International Center for Reindeer Husbandry" (ICR) im Sámi-Hauptort Kautokeino sorgen - Institutionen, die sich die Samen im reichen Ölstaat Norwegen erkämpfen konnten. Mit diesen Einrichtungen machen sie sich für die weniger ressourcenstarken Völker vor und hinter dem Ural zu Vorkämpfern der gemeinsamen Sache. Junge Leute aus Nordskandinavien und den Kältesteppen Asiens treffen sich in Kautokeino zu akademischen Seminaren, Simultanübersetzer übertragen die Worte der Dozenten ins Russische und Mongolische. Es geht um arktische Biodiversität, Klimawandel und Business-Ideen.