Meteoriteneinschlag über Russland:Überlebenswichtiger Blick ins All

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Ein Team um Olga Popowa von der russischen Akademie der Wissenschaften hat die Zerstörungen in der Region analysiert (Science, online). Allein in Tscheljabinsk wurden mehr als 3600 Gebäude beschädigt. Mehr als 1200 Verletzte ließen sich in Krankenhäusern behandeln. Die meisten Patienten hatten Schnittwunden von herumfliegenden Glassplittern. Direkt unter dem Feuerball fegte die Schockwelle Menschen von den Beinen. In Internetumfragen berichteten einige Dutzend Teilnehmer von Sonnenbränden, die der Lichtblitz ausgelöst hatte; etliche hatten Augenprobleme, nachdem sie in den Feuerball geblickt hatten.

Die Explosion des Boliden entsprach der Zündung von 500 bis 600 Kilotonnen TNT-Sprengstoff in der Atmosphäre. Mit dieser Einheit werden sonst nur Atombomben vermessen, der Einschlag entsprach demnach der Detonation eines Gefechtskopfes einer Interkontinentalrakete. Jedoch hat die Gruppe um Peter Brown von der University of Western Ontario festgestellt, dass die aus der Atombombenforschung bekannten Modelle für Meteoroide nicht unbedingt gelten. Himmelskörper lösen demnach weniger Schäden aus als Atombomben gleicher Sprengkraft (Nature, online).

Die Forschergruppen sind sich allerdings nicht völlig einig, was genau in den Sekunden passierte, als der Meteoroid durch die Lufthülle raste. Während das Team um Olga Popowa im Wesentlichen von der einen Explosion gegen Ende des Flugs berichtet, haben Forscher um Jiri Borovicka von der tschechischen Akademie der Wissenschaften mindestens zehn frühere Detonationen gehört; sie haben allein aus 19 Videos nur die Tonspur analysiert (Nature, online). 20 Brocken seien am Schluss mehr oder minder parallel über die Landschaft geflogen. Das Fragment, das später im zugefrorenen See landete, habe sich kurz vor der finalen Explosion des Hauptkörpers von diesem gelöst.

Solche Details sind keine rein akademische Übung. Wissenschaftler erkennen zunehmend, dass die Bedrohung durch einschlagende Himmelskörpern ernst zu nehmen ist. Die Ereignisse von Tscheljabinsk müssten ein Weckruf sein, fordert Qing-Zhu Yin von der University of California in Davis, der zu Popowas Team gehört. "Wenn die Menschheit nicht wie die Dinosaurier enden will, müssen wir das im Detail untersuchen." Dazu gehört auch der Blick ins All. Die Forschergruppe um den Tschechen Borovicka hat berechnet, dass der Meteoroid von Tscheljabinsk sich mit großer Wahrscheinlichkeit von einem größeren Asteroiden abgespalten hat, der noch auf seiner Bahn kreist. Das Objekt mit der Nummer 86039 ist mehr als zwei Kilometer groß und kommt der Erde etwa alle sieben Jahr nahe. Bisher war es dabei zehnmal so weit entfernt wie der Mond.

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